Am Mittwochnachmittag gegen 17 Uhr verlassen die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu Halle ihre Synagoge im Norden der Stadt. Abgeschirmt hinter grünen Plastikplanen werden die Frauen mit Tüchern im Haar, Männer und Kinder in Linienbusse geführt, die vor der Synagoge aufgefahren sind. Erst im Bus bemerken sie die zahlreichen Journalisten, die sich auf der gegenüberliegenden Seite, unter dem Hallenser Wasserturm, postiert haben. Und dann, tatsächlich: Sie lächeln und winken, manche rufen den Reportern hinter der Glasscheibe zu. Einige recken den Daumen hoch. Ein Mann ganz in Weiß, mit Kippa, streicht einem Kind über die Wange.

Ob sie schon verstanden haben, was ihnen gerade widerfahren ist? Wie knapp sie vielleicht gerade dem Tod entkommen sind? Etwa fünf Stunden zuvor hatte ein Attentäter, der wohl allein handelte, versucht, die Tür der Synagoge mit Schüssen zu öffnen. Aber es gelang ihm nicht einzudringen. Am Ende dieses Tages in Halle sind zwei Menschen außerhalb der Synagoge erschossen worden, weitere sind laut Polizei verletzt. Ein Mann ist festgenommen, er soll Deutscher sein. Der Täter hat sein Vorgehen mittels einer Helmkamera aufgezeichnet und die Videos online verbreitet. In insgesamt drei Videos zeigt er, wie er in einem Dönerimbiss einen Mann erschießt und nahe der Synagoge eine Frau. Zu hören ist, wie er über Juden schimpft und wie er droht, sie zu erschießen. ZEIT ONLINE hat die Videos derzeit im Detail ausgewertet.

Deutschlandweit ist das Entsetzen groß. Regierungssprecher Steffen Seibert spricht in einer ersten Reaktion von einer "schrecklichen" Nachricht, Innenminister Horst Seehofer wird am Abend von einer antisemitischen Tat und einem "abscheulichen Angriff auf unser friedliches Zusammenleben" sprechen.

Sprengsätze auf dem Gelände

Hinter Halle liegt ein Tag, den die Stadt und vor allem die Betroffenen sicher noch lange verarbeiten müssen. Es war um die Mittagszeit, als die 70 bis 80 Angehörigen der jüdischen Gemeinde den letzten Tag des Jom-Kippur-Festes, des höchsten Feiertages im Judentum, in ihrer Synagoge feiern. Plötzlich hören sie eine Detonation, wie Max Privorozki berichtet, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Halle. Wachleute entdecken auf den Kamerabildern einen vermummten Mann. Der Mann habe direkt auf die Synagoge geschossen. Stundenlang harrten danach mindestens 20 Gemeindemitglieder in ihrem Gotteshaus aus. Die Polizei hatte das Gebiet abgeriegelt. Später wurde bekannt, dass der Täter auch mehrere selbst gebaute Sprengsätze auf dem Gebiet der Synagoge abgelegt hatte.  

Außerhalb der Synagoge, im Paulusviertel nördlich der Hallenser Altstadt, fallen gegen 12.16 Uhr mehrere Schüsse. Eine Frau stirbt in der Nähe des jüdischen Friedhofs, während die Gemeindemitglieder im Gebäude ausharren. Ein Mann wird in einem nahe gelegenen Dönerimbiss erschossen. Zehn bis zwölf Meter daneben sind am frühen Mittwochabend Splitter in der Wand zu sehen, die Spurensicherung arbeitet.

Ob die beiden Toten Zufallsopfer sind, ist unklar. Auch in Landsberg, 15 Kilometer östlich von Halle, wird rund eine Stunde nach den Taten in der Innenstadt geschossen, dort gibt es einen Verletzten. Um kurz vor 14 Uhr vermeldet die Polizei dann eine erste Festnahme. Zunächst geht sie davon aus, dass weitere Täter auf der Flucht sind, am Abend sieht es eher wieder nach einem Einzeltäter aus.

Die Straßen wie leer gefegt

Halle, die beliebte Studentenstadt, ist angesichts der über Stunden unklaren Lage den ganzen Nachmittag abgeriegelt. Die Polizei warnt ausdrücklich davor, auf die Straße zu gehen. Die Bürgerinnen und Bürger sollten zu Hause bleiben, von Fenstern und Türen Abstand nehmen, twittert die Polizei Halle. Auch der Hauptbahnhof Halle wird abgeriegelt, S-Bahnen, die aus dem eine halbe Stunde entfernten Leipzig anreisen, bleiben auf freier Strecke stehen und werden wieder zurückgeschickt.

Polizeiautos rasen mit Sirenen aneinander vorbei, Beamte schicken Passanten in immer andere Richtungen. Für die Polizei gibt es sicher einfachere Orte zu sichern als das zerklüftete Halle, in das vier Bundesstraßen führen und das immer ein wenig zerrissen wirkt. An einer der Hauptverkehrsadern der Stadt, der B100, entsteht ein kilometerlanger Rückstau. Polizeieinsatzkräfte fahren auf der Gegenspur, um zum Einsatzort zu kommen. Unklar ist die ganze Zeit, ob noch Täter auf der Flucht sind, also: wo es vielleicht gerade gefährlich ist.

Die Straßen in der Stadt an der Saale sind wie leer gefegt, die meisten Bewohner halten sich an die Bitte der Polizei, nicht rauszugehen. Und nun stehen sie in ihren Hauseingängen, oder sie stützen die Ellenbogen auf die Fensterbretter. Sie schauen den Blaulichtern hinterher, die durch ihre Straße fahren. An manchen Straßenecken stehen Hallenser, die in ihrem Tagesablauf unterbrochen wurden. Eine Mutter kann ihr Kind aus dem Hort nicht abholen, weil eine Streife den Weg dazwischen absperrt. Pendler sind gestrandet. Und Jugendliche rufen sich die neuesten Gerüchte zu.

Anschlag in Halle - Polizei geht von Einzeltäter aus In Halle hat ein Gewalttäter nahe einer Synagoge und in einem Dönerimbiss zwei Menschen getötet. Die Polizei hat einen Verdächtigen verhaftet. © Foto: Jens Meyer/dpa/Picture Alliance