In Berlin haben am Sonntagnachmittag mehrere Tausend Menschen gegen Antisemitismus und Rassismus demonstriert. Anlass war der rechtsextreme Anschlag in Halle. Zur Demonstration hatte das Bündnis "Unteilbar" aufgerufen. "Unsere Gedanken sind bei allen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, allen Betroffenen, Angehörigen der Opfer in und um den Imbiss und an den weiteren Anschlagszielen sowie bei allen, die sich längst nicht mehr sicher fühlen können", hieß es in einer Mitteilung. Die Tat sei auch ein "Angriff auf unsere Gesellschaft". Das Bündnis fordert eine "konsequente und lückenlose Aufklärung aller rechten Gewalttaten".

Nach einer Kundgebung am Bebelplatz und einer Schweigeminute zog der Protestzug in Richtung der Neuen Synagoge in Berlin-Mitte. Dort spielte der Pianist Igor Levit ein Stück von Johann Sebastian Bach.

Die Polizei schätzte die Zahl der Teilnehmenden am Bebelplatz auf 6.000, die Veranstalter sprachen von 13.000 Demonstrierenden beim Protestzug. Angemeldet waren 10.000 Menschen. Unter den Demonstrierenden waren der Grünenpolitiker Cem Özdemir, die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli, Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus sowie der Berliner Bischof Markus Dröge. Dröge erklärte vorab: "Der Verfassungsschutz und die Sicherheitskräfte müssen wesentlich konsequenter gegen rechte Netzwerke und rechtspopulistische Funktionäre vorgehen, die erwiesenermaßen verfassungsfeindliche Thesen verbreiten."

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer griff die AfD als "politischen Arm des Rechtsradikalismus" an. Rechtsradikalismus sei ein wirkliches Problem in Deutschland, sagte sie auf dem Deutschlandtag der Jungen Union in Saarbrücken. Auch SPD-Politiker Michael Roth machte die AfD für den Angriff von Halle mit verantwortlich. In einem Interview der Welt sagte er: "Im Deutschen Bundestag und in den Landtagen sitzt der politische Arm des Rechtsterrorismus. Und das ist die AfD." Daraufhin bezeichnete AfD-Chef Alexander Gauland die Aussage als "ungeheuerliche Entgleisung". Roth würde AfD-Abgeordnete "in ehrverletzender Weise diffamieren und kriminalisieren".

Bundesregierung spricht von einem "rechtsextremistischen Terroranschlag"

Bereits in den vergangenen Tagen waren mehrere Tausend Menschen in verschiedenen deutschen Städten gegen rechts auf die Straße gegangen. In Halle hatten sich am Freitagabend etwa 2.000 Menschen vor der Synagoge versammelt, um der Opfer zu gedenken und den Sabbat-Gottesdienst symbolisch zu schützen.

Am Mittwoch hatte ein schwer bewaffneter Rechtsextremist versucht, in die Synagoge in Halle einzudringen. Nachdem der Versuch gescheitert war, richtete er seine Waffe gegen Passanten und schoss auf die Besucher eines Dönerladens. Dabei tötete er zwei Menschen. Der 27-Jährige sitzt in Untersuchungshaft.

Die Bundesregierung und der ermittelnde Generalbundesanwalt betrachten die Tat als "rechtsextremistischen Terroranschlag". Derzeit ermittelt das Bundeskriminalamt (BKA). Bislang sind mehr als 600 Hinweise eingegangen. Der mutmaßliche Täter hatte sich in einem Video der Tat selbst antisemitisch geäußert und vor dem Bundesgerichtshof antisemitische und rechtsextremistische Motive bestätigt.