In weniger als zwei Monaten jährt sich der Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle zum fünfzehnten Mal. Noch immer beschäftigen sich Gerichte damit, was Anfang Januar 2005 geschah, als Jalloh verbrannt und gefesselt auf einer Matratze in der verschlossenen Zelle gefunden wurde. Noch immer treibt die Familie des aus Sierra Leone stammendes Mannes die Aufklärung voran.

Nun hat die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh ein neues ärztliches Gutachten vorgestellt. Jallohs Leichnam soll demnach weitere, bislang nicht bekannte Verletzungen aufgewiesen haben. Sein vorderes Schädeldach und eine Rippe seien gebrochen gewesen, teilte die Initiative mit. Den neuen Bericht hat der Radiologe Boris Bodelle von der Universitätsklinik Frankfurt am Main im Auftrag der Gedenkinitiative angefertigt. Zuerst hatte die taz berichtet.

Bisher hatte ein ebenfalls von der Initiative beauftragter Rechtsmediziner nur einen Bruch des Nasenbeins festgestellt. Sein Gutachten ließ aber offen, ob es Oury Jalloh vor seinem Tod gebrochen wurde, schreibt die taz.

Die Unterstützer und Angehörigen interpretieren das neue medizinische Gutachten so, dass Jalloh die Verletzungen erlitten haben soll, als er noch lebte. Das würden Entzündungen in der Umgebung der Bruchstellen zeigen, teilte die Initiative mit. Diese Brüche müssten Jalloh wahrscheinlich zwischen seiner Festnahme und dem Tod wenige Stunden später zugefügt worden sein. Als Jalloh morgens in das Polizeigewahrsam eingeliefert wurde, notierte ein Arzt keine Verletzungen.

Gericht weist Beschwerde zurück

Eine Selbstverletzung oder ein Sturz seien weitgehend ausgeschlossen, glauben die Angehörigen. Das Gutachten stützt damit die Interpretation des Falls, den die Unterstützer den Behörden seit Jahren vorwerfen: Dass Polizisten oder andere Personen Oury Jalloh angezündet und ermordet hätten, und dass die Hintergründe vertuscht würden.

Dass die Initiative dieses Gutachten nun vorstellt, liegt wohl auch an einer Entscheidung des Oberlandesgericht Naumburg. Vergangene Woche hatte das Gericht eine Beschwerde abgelehnt, in der die Angehörigen eine Wiederaufnahme von Ermittlungen forderten. Ihren Antrag nannte das Gericht unzulässig und unbegründet. Es schien, als sei der vorerst letzte juristische Schlussstrich unter dem Fall gezogen.

Das Gericht gab an, aus der Beschwerde gehe nicht hervor, auf welche Beweise sich die Forderung nach neuen Ermittlungen gegen zwei Beschuldigte stütze. Im November 2018 hatte die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg schon einmal entschieden, dass im Fall Oury Jalloh nicht wieder ermittelt werden soll. Dagegen haben die Angehörigen Beschwerde eingelegt. Den mehr als 200 Seiten langen Prüfbericht wertete das Oberlandesgericht nun als inhaltlich korrekt.

Die Aufklärungsinitiative kritisierte, dass das Gericht den medizinischen Bericht nicht berücksichtigt habe, weil darin nur bereits vorhandene Daten neu interpretiert wurden. Dies sei jedoch für die Schlussfolgerungen unerheblich. Grundlage für das Gutachten waren Bilder der Computertomografie, die mehr als zweieinhalb Monate nach dem Tod Oury Jallohs angefertigt wurden.

Externe Juristen sollen Ermittlungsakten prüfen

Die Angehörigen sehen in den weiteren im Gutachten beschriebenen Verletzungen von Oury Jalloh eine Bestätigung für das Motiv, das sie vermuten: Um die Gewalt gegen ihn zu vertuschen, sei er in der Zelle angezündet worden – eine These, der sich 2017 sogar der Leiter der Staatsanwaltschaft Dessau anschloss. Danach wurde ihm der Fall entzogen.

Der Tod von Oury Jalloh konnte bislang nicht restlos aufgeklärt werden. Der aus Sierra Leone stammende Mann starb nur wenige Stunden nach seiner Inhaftierung am 7. Januar 2005 bei dem Brand in einer Polizeizelle in Dessau. Er lag dort an Händen und Füßen gefesselt auf einer Matratze. 

Offizieller Stand der juristischen Aufklärung ist weiterhin: Jalloh soll die Matratze selbst angezündet haben. Der Bundesgerichtshof bestätigte 2014 ein entsprechendes Urteil. Das Landgericht Magdeburg verurteilte einen Polizisten 2012 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe, weil er Jalloh besser hätte überwachen müssen.

Der Landtag von Sachsen-Anhalt will nun die Ermittlungsakten durch zwei externe Juristen prüfen lassen. Beschlossen wurde das bereits vor einem Jahr, dann einigte sich die schwarz-rot-grüne Kenia-Koalition laut Deutschlandfunk jedoch darauf, die Sonderermittler erst nach dem Ende aller juristischen Ermittlungen ihre Arbeit aufnehmen zu lassen. Eine Vertreterin der Unterstützer sagte bei der Vorstellung des neuen Gutachtens, es habe die Initiative mit noch mehr Fragen zurückgelassen.