Als Flug 338 aus Dublin am vergangenen Donnerstag mit einer Minute Verspätung um 18.46 Uhr in Berlin landet, warten Polizisten am Flughafen Tegel bereits auf einen der Passagiere. Die Sicherheitsbehörden in Deutschland haben kurz zuvor einen Hinweis des US-amerikanischen FBI bekommen: Einer der Reisenden an Bord des Flugzeuges sei ein Anhänger der berüchtigten rechtsterroristischen Atomwaffen Division aus den USA. Kaum ist die Maschine gelandet, fischen deutsche Beamte den 31 Jahre alten Mann aus dem Strom der Passagiere. Kyle M. wird befragt, die Deutschen verweigern ihm anschließend die Einreise. Noch am selben Abend setzen Beamte den mutmaßlichen Neonazi in ein Flugzeug zurück nach Irland. So zumindest haben es mehrere Beteiligte ZEIT ONLINE beschrieben.

Die Atomwaffen Division (AWD) ist eine gewaltbereite Neonazigruppe aus den Vereinigten Staaten, die einen Rassenkrieg gegen alle Andersdenkenden anzetteln will, gegen Juden hetzt und offen zur Gewalt aufruft. Einigen ihrer Mitglieder werden in den USA fünf Morde zur Last gelegt, bei mehreren Hausdurchsuchungen fanden die Fahnder Sprengstoff und scharfe Waffen. Das FBI hält die Gruppe, der zwischen 40 und 80 Anhänger zugerechnet werden, für extrem gefährlich.

Vor rund einem Jahr soll sich ein deutscher Ableger der AWD gegründet haben – im Sommer 2018 tauchte ein entsprechendes Rekrutierungsvideo im Internet auf. Darin ließ sich ein vermummter Mann mit technisch verzerrter Stimme über den Nationalsozialismus aus und sprach von "gewetzten Messern".

Morddrohungen

Vor Kurzem machte die Gruppe erstmals bundesweit Schlagzeilen in Deutschland, als die Grünen-Politiker Claudia Roth und Cem Özdemir Morddrohungen erhielten, die mit dem Absender "Atomwaffen Division Deutschland" unterzeichnet waren. Unklar ist, ob die Drohungen an Roth und Özdemir tatsächlich von der Neonazigruppe stammen oder von einem Trittbrettfahrer versandt wurden. Doch die Sicherheitsbehörden ermitteln derzeit, welche Strukturen hinter der AWD hierzulande stehen, wer dazugehört und wie sie vernetzt ist.

Sicher ist, dass deutsche Unterstützer Verbindungen in die USA unterhalten. So wurde das deutsche Rekrutierungsvideo auch über Kanäle der amerikanischen Atomwaffen-Neonazis verbreitet – ein Indiz dafür, dass es enge Kontakte zwischen amerikanischen und deutschen Anhängern gibt. Außerdem berichtete der Spiegel, dass ein AWD-Mitglied nach Deutschland gereist war, um eine Aktivistin zu bedrohen, die vor den Neonazis aus den USA hierher geflohen war.

Schwappt der Terror nun auch nach Deutschland? Und hatte die geplante Reise von Kyle M. damit zu tun?

Der Amerikaner gehöre "zum harten Kern der AWD", sagt ein deutscher Sicherheitsexperte. Im Internet verfügbare Videos legen nahe, dass M. offenbar schon vor Jahren mehrfach in Deutschland war. Stimmen die Spuren, denen die Ermittler nachgehen, hat M. womöglich in Bands gespielt, die zu einer rechtsextremen Strömung der Black-Metal-Szene gehören. Diese Szene bezeichnet sich selbst als "nationalsozialistischen Black Metal", kurz NSBM. Einträge in Metalforen im Netz legen nahe, dass M. dazuzählte. 

Kontakte zu deutschen Neonazis

Offenbar unterhielt er enge Verbindungen zu rechtsextremen Musikern in Deutschland. So finden sich auf einem alten Social-Media-Profil beispielsweise Kontakte zu einem in Deutschland bekannten Neonazi und verurteilten Mörder: Hendrik Möbus. Möbus hatte 1993 zusammen mit zwei Mitgliedern seiner Band in der thüringischen Kleinstadt Sondershausen den Mitschüler Sandro Beyer ermordet. Seit seiner Haftentlassung 2007 betreibt er ein Label und eine Konzertagentur für NSBM-Bands und gilt als Organisator rechtsextremer Musikveranstaltungen, der gut mit der internationalen Neonaziszene vernetzt ist. Kyle M. verlinkte beide Firmen von Möbus auf seinem Profil.

Auch zu anderen deutschen NSBM-Musikern hatte M. Kontakt. Auf Videos ist er mit Mitgliedern einer extrem rechten Metal-Band aus dem Berliner Umland zu sehen. Es scheint, als sei die Musik einer der Kanäle, über die sich Rassisten und Rechtsterroristen der AWD international vernetzen. Einer der führenden Köpfe der Atomwaffen Division, Kaleb Cole, gilt ebenfalls als Anhänger der NSBM-Szene und soll entsprechende Konzerte in Europa besucht haben. In Seattle beschlagnahmten Ermittler bei ihm gerade ein ganzes Arsenal an Waffen. Cole soll mehrere der von den Extremisten Hate Camps genannten Trainingslager organisiert haben, bei denen Schießtraining auf dem Programm steht.

Der am Flughafen Tegel gestoppte Kyle M. hingegen gab in seiner Befragung ganz andere Gründe für seine Einreise an: Er wolle in Deutschland heiraten und Urlaub machen. Tatsächlich war eine junge Deutsche aus Mecklenburg-Vorpommern zum Flughafen gekommen, um ihn abzuholen. Aus Sicherheitskreisen heißt es, sie habe auf die Einreisesperre "geschockt" und "aufgewühlt" reagiert. Für ZEIT ONLINE waren weder M. noch seine mutmaßliche Partnerin erreichbar.