Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, diesen Text in einem eher nüchternen Ton zu verfassen. Ich wollte weder Pathos liefern noch eine große Lichtinstallation aus Worten inszenieren. Auch Tränen der Rührung sollten hier nicht vergossen werden. Denn Hands aufs Herz: Die Lage ist dafür schlicht zu ernst. Seit dem Anschlag auf die Hallenser Synagoge ist kaum ein Monat vergangen, der AfD-Wahlerfolg in Thüringen liegt noch nicht einmal drei Wochen zurück. Und wer wissen will, ob es in diesem Jahr etwas zu feiern gibt oder nicht, ob das Glas im Osten halb voll oder halb leer ist, dem würde ich sagen: beides. Das Glas ist halb voll und es ist aber auch halb leer. Es gibt Gründe zu feiern und es gibt gute, es zu lassen. Das zumindest ist die ehrlichste Antwort, die ich geben kann.

Jana Hensel ist Schriftstellerin und Autorin bei ZEIT ONLINE.

Aber es geht nicht, oder es geht zumindest nicht ganz. Ich kann über den 9. November nicht ohne Emotionen schreiben. Auch wenn dieser Tag kein gesetzlicher Feiertag ist, ist er doch der wichtigste politische Feiertag, den wir neben dem 8. Mai in unserem Land haben. Die Ausrufung der deutschen Republik 1918, der Beginn des Hitler-Ludendorff-Putsches 1923, die Reichspogromnacht 1938 und schließlich der Mauerfall vor nunmehr auch schon 30 Jahren. In seiner Ambivalenz und Vielschichtigkeit wird uns dieser Tag noch lange nicht loslassen. Im Gegenteil: Je historischer er wird, desto stärker drängt er in die Gegenwart.

Ein widersprüchlicher Bann

Ich merke das auch in den Gesprächen der vergangenen Tage. Sie nehmen an Intensität zu, immer öfter treten Emotionen zutage: Da ist die Freundin, die sagt, sie habe plötzlich das Gefühl, zum ersten Mal in ihrem Leben mit den Ereignissen von 1989 in Kontakt treten zu können. Da ist die andere, die von ihrer Wohnung aus eine Lichtinstallation des Mauerfalls sehen kann und beinahe überrascht gesteht, dass es sie trotz aller Skepsis rührt. Und da sind nicht zuletzt die Fotos und Bilder all der Menschen, die zu Veranstaltungen anlässlich des 9. Novembers gehen. In Berlin und in anderen Städten. Von ihnen geht die Nachricht aus, ja, wir wollen uns erinnern. Wir gedenken dieses Tages. Wir begeben uns in seinen widersprüchlichen Bann.

Dabei fällt auf, dass vor allem die Erinnerung an den Mauerfall sich gewandelt hat. Damit war lange Zeit nicht zu rechnen gewesen. Zu ritualisiert und musealisiert schien sie geworden, zu viele Floskeln haben das Gedenken an die Friedliche Revolution seit jeher wie erneut ummauert, einbetoniert in Sprache. So begrub man die Lebendigkeit jener Wochen und Monate, von denen all jene, die dabei gewesen sind, bis heute nicht aufhören können, voller Emotionen zu sprechen. Immer wieder geraten sie ob des wahrlich schwindelmachenden Aufbruchgefühls von damals ins Schwärmen. Ein Aufbruch, und schon melden sich wieder die ambivalenten Gefühle, der von vielen im Nachhinein aber auch als ein abgewürgter empfunden wird.

Ist dieser Mauerfall also endlich doch Gegenwart geworden? So sieht es aus, nachdem er in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung vor allem als ein Endpunkt betrachtet wurde. Als das Ende der DDR und der deutschen Nachkriegsteilung. Nun aber markieren wir ihn stärker als je zuvor als einen Anfang. Als den Anfang eines bis heute reichlich mühevollen Wiedervereinigungsprozesses und der sogenannten Transformation, was wiederum eine sehr technokratische Bezeichnung für eine historisch beinahe einmalige Entwicklung radikaler Veränderungen ist. Als sollten die bis heute darunter brodelnden Empfindungen erstickt werden. Diese Erfahrungen teilt Ostdeutschland mit dem gesamten Ostblock, lässt ihn changieren und mindestens zum Teil einer noch anderen Staatengemeinschaft werden: der osteuropäischen.

Der Mauerfall wird heutig

Die Folgen dieses Systemwechsels, sie werden uns erst heute Stück für Stück bewusst, sie geraten erst heute in jenen Fokus, den sie verdienen. Und so werden sie, je länger sie zurückliegen, immer heftiger heutig. Denn das gehört unbedingt zu den positiven Entwicklungen: Wir reden endlich über den Osten Deutschlands und sein Gewordensein nach dem Mauerfall. So schonungslos, offen, ehrlich und vielstimmig wie wahrscheinlich noch nie. Eigentlich tun wir das schon seit den ersten Januartagen das Jahres 2015, als in Dresden die ersten Pegida-Demonstranten auf die Straße gegangen sind. In all den beinahe 25 Jahren zuvor hatten die Medien allenfalls sporadisch und allenfalls schlaglichthaft, häufig emotional und aus einer meist westdeutschen Perspektive über die fünf neuen Länder berichtet. Und zwar meist nur dann, wenn etwas meist Negatives vorgefallen war oder wenn mal wieder einer dieser Feiertage anstand. Gute 25 Jahre lang ging das so: Auf der einen Seite, grob gesagt, die Katastrophenmeldungen, auf der anderen die salbungsvollen Reden.

Insofern unterscheidet sich dieser 9. November von allen anderen zuvor. Er wird wahrscheinlich als der nüchternste, aber wahrscheinlich auch als der bisher ehrlichste in die Geschichte eingehen. Kein Meilenstein, kein Einschnitt, eigentlich nicht mehr als eine Wegmarkierung in einer an Zäsuren nicht armen Gegenwart.

Vier mitunter intensive Jahre des Redens und Nachdenkens liegen hinter uns. Die ersten beginnen schon, von der Dauerpräsenz des Ostens in den Debatten genervt zu sein. Aber dessen verstörender Rechtsruck hat bereits mehr erreicht, als alle wohlgemeinten Reden und Diskussionen und Texte zuvor. Ich weiß, dass das zynisch klingt. Aber alles andere wäre eine Lüge. Und so sind wir seither weit zurückgeworfen worden, aber wir sind auch vorangekommen. Schon wieder so eine Kippfigur.

Berliner Mauer - "Schuldgefühle habe ich nicht" DDR, Herbst 1961: Einsatzkräfte mauern Fenster zu, räumen Wohnungen, sichern die Grenze. Wie denken sie heute darüber? Drei Männer über Pflicht und Schuld © Foto: ZEIT ONLINE

Es sind viele, die nun sprechen

Denn es sind viele geworden, die nun sprechen, nicht nur, weil die großen Zeitungen ihre Korrespondentendichte in den neuen Ländern wieder erhöht haben. Es ist auch eine neue Generation, die jetzt mitreden will. Ihr Selbstgespräch ist an die Stelle des oft einseitigen und formelhaft gewordenen Ost-West-Dialogs getreten. Das gehört wohl zu den überraschendsten Befunden der Nachwendegeschichte: eine Generation, von der es jahrzehntelang hieß, dass sie keine ostdeutschen Prägungen mehr haben wird, weil sie erst nach dem Mauerfall geboren wurde, bekennt sich heute stärker als jede zuvor zu einer wie auch immer gearteteten ostdeutschen Identität. Der Sozialisationsraum Ost, etwas, was es nach der Wiedervereinigung schlicht nicht geben sollte, ist heute sichtbarer denn je.

Junge Wissenschaftler wie zum Beispiel Marcus Böick beugen sich über die Nachwendegeschichte, in seinem Fall die Treuhand. Journalistinnen und Journalisten suchen in Podcasts und anderen Formaten das Gespräch mit ihren Eltern. Initiativen wie Wirsindderosten oder Aufbruch Ost versuchen, Ostdeutschland ein anderes, offenes Gesicht zu geben. Sie wehren sich so gegen oft noch zu pauschale Stigmata. Unter Hashtags wie #derandereOsten oder #baseballschlägerjahre beteiligen sich auf Twitter viele an einer möglichst breiten Erzählung. Da findet ohne Übertreibung nach langer Pause eine trotzige Aneignung der eigenen Geschichte statt, wird ganz bewusst mit den Anpassungsstrategien der Älteren gebrochen. Deren Credo lautete ja oft: möglichst unsichtbar bleiben.