Erhard Lehmann ist vom Großeinsatz im brandenburgischen Proschim begeistert. Damit meint er nicht die Polizeistreifen, die an diesem Tag überall in der Lausitz zu sehen sind, auch in seinem Dorf. Lehmann ist Lokalpolitiker und Fan des Bündnisses Ende Gelände. Die Klimaaktivisten haben den Polizeieinsatz ausgelöst, einige Tausend Beamte aus verschiedenen Bundesländern sind dort. Ende Gelände hatte "massenhaften zivilen Ungehorsam" angekündigt, Tagebaugruben sowie Gleisanlagen von Kraftwerken sollten besetzt werden. Gehandelt werde "aus Enttäuschung über die desaströse Klimapolitik der Bundesregierung". Das Motto dieser Aktion: "Wir sind Systemwandel."

2016 gab es schon einmal Besetzungen im Tagebau bei Proschim. Erhard Lehmann hat die Aktivisten schon damals unterstützt, einige durften auf seinem Grundstück übernachten. Lehmann ist 68 Jahre alt, 18 davon war er Bürgermeister des 360-Einwohner-Dorfs. Dass Ende Gelände nun zurückkehrt, hat er erst am Samstagmorgen erfahren – als plötzlich neun Busse vor der Tür des Proschimer Mühlenvereins parkten.

Der Ort ist ein bekannter Name, wenn es um den Kohleausstieg geht, seit Jahrzehnten droht hier die Abbaggerung. Nach neuen Vereinbarungen soll es nun doch noch anders kommen, Proschim soll verschont bleiben, aber Lehmann glaubt noch nicht wirklich daran. Auch deshalb findet er die Ende-Gelände-Aktionen "richtig gut". Es gehe ihm aber nicht nur um den Erhalt seiner Heimat, sondern um Klimaschutz. "Es muss aufhören mit der Kohle, mit dem Wahnsinn, der hier weiter betrieben wird."

"Klimaleute werden als Verbrecher dargestellt"

Dass die Aktivisten Straftaten begehen, stört ihn nicht. Lehmann sagt: "Begehen die Tagebauunternehmen nicht auch Straftaten, wenn sie unsere Natur zerstören?" Mit seiner Meinung fühlt er sich allerdings in seiner Nachbarschaft nicht in der Mehrheit, im Gegenteil: "Man darf hier nichts sagen gegen die Kohle, sonst ist man sofort der Buhmann. Die meisten reden nur negativ über die Klimaleute, die werden nur als Verbrecher dargestellt. Für mich sind das kluge, junge Menschen, die etwas verändern wollen."

Es ist die zweite Großaktion von Ende Gelände in diesem Jahr. Nach Besetzungen im rheinländischen Kohlerevier im Sommer ist nun die Lausitz das Ziel. Ein riesiges Gebiet mit etlichen Kraftwerken und Tagebaugruben, Hunderte Quadratkilometer verteilt auf Sachsen und Brandenburg. Zusätzlich zur Lausitz wird auch ein Tagebau in der Nähe von Leipzig besetzt. Die Logistik von Ende Gelände ist an diesem Wochenende immens, Strukturen wurden wochenlang organisiert, von Sanitätern bis Juristen, die beteiligt sind.

Aber auch die Ablehnung, der Widerstand, der den Protestierenden entgegenschlägt, ist groß. So massiv wie in den ostdeutschen Kohlerevieren haben sie das bisher noch nirgendwo erlebt. Die konkreten Blockadepläne bleiben bis zum Schluss geheim. Welche Gebiete besetzt werden, zeigt sich erst am Samstag im Morgengrauen. Im Frühnebel treffen kurz nach acht Uhr die Busse in Proschim ein. Das Thermometer zeigt minus zwei Grad. Binnen weniger Minuten setzt sich alles in Bewegung.

Etwa 400 Aktivisten steigen aus, streifen sich weiße Anzüge über und marschieren über gefrorene Felder zur nahen Tagebaugrube Welzow-Süd. Die Gruppe trampelt einen Zaun nieder, die Begrenzung zum Betriebsgelände des Energieunternehmens Leag, und steigt trommelnd in die Grube hinab. Gesungen wird: "Bagger ciao, Bagger ciao, Bagger ciao, ciao, ciao!" Es geht vorbei an Kohleförderbändern, die an diesem Tag stillstehen. Nach ein paar Minuten haben die Aktivisten die Abbruchkante erreicht, von dort geht es etwa 150 Meter hinab in die Abbaugrube. Kurze Pause, dann springen und schlittern sie nacheinander in die Tiefe.