Der wegen Kindesmissbrauchs verurteilte australische Kardinal und frühere Vatikan-Finanzchef George Pell hat im Kampf um einen Freispruch einen juristischen Etappensieg errungen: Der Oberste Gerichtshof Australiens gab bekannt, dass er den Berufungsantrag des 78-Jährigen annehme und genau prüfen werde. Ein Datum für die Anhörung zu dem Berufungsantrag wurde nicht genannt, sie wird wohl nicht vor 2020 beginnen.

Pell verbüßt derzeit eine sechsjährige Haftstrafe, weil er sich nach dem Urteil der Geschworenen in den Neunzigerjahren in der Kathedrale von Melbourne an zwei Chorknaben verging. Pell hatte die Vorwürfe gegen sich stets entschieden zurückgewiesen. In dem Berufungsantrag argumentierten seine Anwälte, der Geistliche hätte wegen der dünnen Beweislage nicht schuldig gesprochen werden dürfen.

Tatsächlich basierte die Verurteilung überwiegend auf der Aussage eines der Missbrauchsopfer, während das zweite mutmaßliche Missbrauchsopfer sich vor seinem Tod 2014 nie zu den Vorfällen geäußert hatte. Pell und seinen Anwälten reichte dies nicht aus und sie reichten einen ersten Berufungsantrag beim Obersten Gerichtshof im Bundesstaat Victoria ein, der jedoch im August abgewiesen wurde. So stuften die Richter den Hauptzeugen als äußerst glaubwürdig ein. Daraufhin zogen die Anwälte des 78-Jährigen vor den Obersten Gerichtshof Australiens, der den Berufungsantrag nun zur Prüfung annahm.

Pell ist dabei der ranghöchste, wegen sexuellen Missbrauchs schuldig gesprochene katholische Würdenträger. Nach seiner Verurteilung war es dem früheren Finanzminister des Vatikans und Vertrauten des Papstes untersagt, sein Priesteramt öffentlich auszuüben und Kontakt mit Minderjährigen zu haben. Er gehört nicht mehr zum Beratungsgremium des Papstes, sein Mandat als Finanzchef lief automatisch aus. Nach dem Urteil des Geschworenengerichts im März kündigte der Vatikan an, abwarten zu wollen, bevor er über weitere Konsequenzen entscheidet. Pell könnte womöglich seinen Kardinalstitel verlieren.