Ein Ort, zwei Religionen, ein jahrzehntelanger Streit: Der Konflikt zwischen Hindus und Muslimen um ein heiliges Areal im nordindischen Ayodhya hatte 1992 zu Ausschreitungen mit mehr als 2.000 Toten geführt – erst jetzt hat das Oberste Gericht des Landes in dem Fall entschieden. Die Richter in Neu-Delhi urteilten einstimmig, dass Hindus auf einem Areal, wo sie eine Moschee zerstört hatten, nun einen eigenen Tempel errichten dürfen. 

Den Muslimen wurde ein anderes Stück Land in Ayodhya zugeteilt, auf dem sie eine neue Moschee bauen dürfen. Das neue Bauland ist etwa doppelt so groß. "Wir respektieren das Urteil, aber wir sind nicht zufrieden", sagte Anwalt Zafaryab Jilani, der die muslimische Seite vertritt. Man werde das Urteil genau prüfen. Dagegen nannte ein Anwalt der hinduistischen Vertreter die Entscheidung ein "historisches Urteil", mit dem das Gericht die "Botschaft der Einheit in der Vielfalt" vermittle.

Die Geschichte des 1,1 Hektar großen Ortes im Bundesstaat Uttar Pradesh ist religiös und politisch aufgeladen: Der Überlieferung nach stand dort, wo Hindu-Gott Rama das Licht der Welt erblickt haben soll, einst ein Tempel. Im 16. Jahrhundert setzten muslimische Eroberer die Babri-Moschee dorthin. Fanatische Hindus rissen diese dann 1992 nieder. Dies löste landesweite Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen mit mehr als 2.000 Toten aus, die meisten Opfer waren Muslime. Die Unruhen gelten als eines der meist polarisierenden Ereignisse Indiens seit der Unabhängigkeit 1947.

Der Streit darum, wem der Ort gehört, spaltet Indien seit Jahrzehnten. 80 Prozent der 1,3 Milliarden Einwohner sind Hindus, Muslime machen etwa 14 Prozent aus. Das Urteil soll den seit Jahrzehnten andauernden Konflikt zwischen den beiden Religionsgruppen nun beenden.

Medienberichten zufolge hat sich das Gericht in seiner Urteilsverkündung auf archäologische Befunde bezogen, die beweisen sollen, dass sich an dem Standort ein Bauwerk "hinduistischen Ursprungs" befunden hatte – noch bevor die Moschee gebaut wurde, welche 1992 von fanatischen Hindus zerstört wurde.

Tausende Sicherheitskräfte im Einsatz

Aus Angst vor Ausschreitungen wurden die Sicherheitsvorkehrungen in der Region und auch andernorts deutlich erhöht. Mehrere Tausend Sicherheitskräfte waren im Einsatz, darunter auch Spezialkräfte für Bombenentschärfungen, wie lokale Medien berichteten. Schulen und Universitäten in mehreren Bundesstaaten blieben geschlossen. In Neu-Delhi wurden Straßen nahe des Gerichtsgebäudes gesperrt. Zudem appellierte Indiens Premierminister Narendra Modi an die Konfliktparteien, Ruhe zu bewahren.

Modi hatte vor der Urteilsverkündung gesagt, die Entscheidung der Richter stelle für niemanden einen Sieg oder eine Niederlage dar. Allerdings ist der Tempelbau seit Langem ein Wahlversprechen von Modis hindu-nationalistischer Bharatiya Janata Party (BJP).