Die italienische Regierung hat für Venedig den Notstand beschlossen, um die Stadt angesichts der schweren Überschwemmungen schneller unterstützen zu können. Damit würden 20 Millionen Euro an Soforthilfen für die Stadt und die Bevölkerung freigegeben, schrieb Ministerpräsident Giuseppe Conte nach einer Kabinettssitzung auf Twitter: "An die Arbeit für den Plan zur Entschädigung von Privat- und Geschäftsleuten."

Venedig erlebt in dieser Woche das schwerste Hochwasser seit Jahrzehnten. Am Dienstagabend erreichte der Wasserpegel den höchsten Stand seit 1966. Nach Angaben des Präsidenten der Region Venetien, Luca Zaia, standen zwischenzeitlich 80 Prozent der Stadt unter Wasser, noch immer sind große Teile überflutet. Bürgermeister Luigi Brugnaro bezifferte die Schäden auf mehrere Hundert Millionen Euro. Dabei ist vielerorts noch gar nicht abzusehen, wie stark die Bausubstanz gelitten hat.

Die Katastrophe sei "ein Stich in das Herz unseres Landes", sagte Conte bei einem Besuch in der Stadt. Er nahm dort an einer Krisensitzung teil und besuchte Ladenbesitzer, deren Geschäfte durch das schmutzige Salzwasser verwüstet wurden. Der Ministerpräsident kündigte Entschädigungszahlungen an, die für Bewohner bei 5.000 Euro und für Geschäftsleute bei 20.000 Euro liegen sollen.

Übernächste Woche soll zudem eine Sonderkommission über die "Probleme Venedigs" beraten, wie Conte ankündigte. Dabei soll es seinen Angaben zufolge auch um ein geplantes Anlegeverbot für große Kreuzfahrtschiffe und ein umstrittenes Hochwasserschutzsystem gehen, das die Lagunenstadt mit schwimmenden Barrieren schützen soll.

Das Großprojekt Mose ist schon seit 2003 in Bau, aber immer noch nicht funktionstüchtig. Ursprünglich waren dafür zwei Milliarden Euro veranschlagt, mittlerweile hat der Bau schon sechs Milliarden Euro gekostet. Die Verzögerung hängt mit einem Korruptionsskandal zusammen. Auch gibt es von Beginn an Kritik, dass ein Eingriff in das sensible Ökosystem der Lagune mehr schade als nutze. Conte sagte, der Bau sei mittlerweile zu 93 Prozent abgeschlossen und "wahrscheinlich" im Frühjahr 2021 fertig.

Wissenschaftler führen die zunehmenden Fluten in Venedig auf den Klimawandel zurück, der den Meeresspiegel steigen lässt. "Das Hochwasser in Venedig bringt das Problem der absoluten Trägheit an die Oberfläche, mit der man in Italien das Phänomen des Meeresspiegelanstiegs angeht", sagte Luigi Merlo vom Handelsverband Confcommercio. Eine zusätzliche Gefahr wird in den großen Kreuzfahrtschiffen gesehen, die tiefe Fahrrinnen für die Anfahrt brauchen. Viele Venezianer werfen Politikern vor, die Stadt an Tourismus- und Kreuzfahrtunternehmen verkauft zu haben und sich nicht wirklich um den Schutz zu kümmern.