Ein Jahr nach dem Start einer strukturierten Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) inzwischen rund 770 Opfer ermittelt. Viele davon seien Heimkinder in diakonischen Einrichtungen gewesen, Übergriffe gab es aber auch in Kirchengemeinden, sagte Kirsten Fehrs. Sie ist die für die Aufarbeitung zuständige Bischöfin und sprach auf der Tagung der EKD-Synode in Dresden.

Um die Beteiligung der Opfer an der Aufarbeitung auszubauen, werde die Kirche einen Betroffenenbeirat einrichten. Die für Prävention und Aufarbeitung für 2020 bereits eingeplanten Mittel von 1,3 Millionen Euro werde die EKD um eine Million Euro aufstocken, kündigte Fehrs an.

Doch den Opfern gingen die Schritte der Kirche nicht weit genug, sagte Kerstin Claus als Sprecherin für die Betroffenen. Claus selbst war als 14-Jährige von einem Pfarrer der bayerischen Landeskirche missbraucht worden. Dieser sei immer noch im Dienst, kritisierte sie. Claus findet, dass die evangelische Kirche lange gezögert habe, ehe sie die Missbrauchsproblematik 2018 angegangen habe. Nun müsse die Kirche die Bedürfnisse der Betroffenen in den Mittelpunkt rücken, es sei eine transparente Entschädigungsregelung nötig.

Evangelische Kirche zahlt keine Pauschalbeträge aus

Anders als es die katholische Kirche seit Jahren tut, will die evangelische Kirche keine pauschalen Summen an Opfer zahlen, hatte Bischöfin Fehrs zuvor betont. Nötig sei ein lebenslanges Bemühen, den Opfern gerecht zu werden.

Unterdessen appellierte die Betroffeneninitiative Missbrauch in Ahrensburg in einem offenen Brief an die Teilnehmer der Synode, eine vollständige Aufarbeitung der Missbrauchsfälle sowie umfassende Präventionskonzepte in Auftrag zu geben. Die Initiative kritisierte die Aufarbeitung im Fall von Ahrensburg (Schleswig-Holstein) scharf und warf der zuständigen Nordkirche mangelnde Transparenz und einen unangemessenen Umgang mit den Opfern vor.

In Ahrensburg trug sich der bisher größte bekannte Missbrauchsskandal in der evangelischen Kirche zu. Ein Pfarrer missbrauchte dort in den Siebziger- und Achtzigerjahren Jugendliche in seiner Gemeinde.