Neo-Ostalgiker – Seite 1

In den letzten Jahren hat sich in den innerdeutschen Debatten über die Nachwendezeit eine Art Weltanschauung ausgebreitet, die ich Neo-Ostalgie nenne. Sie wird lautstark vertreten von Ost- und Westdeutschen, die entweder behaupten, dass "den" Ostdeutschen in der Vergangenheit von "den" Westdeutschen etwas Elementares genommen wurde, oder sogar, dass die verlorene DDR-Geschichte schwerer wiege als die gewonnene deutsche Einheit. Die zentrale Behauptung der Neo-Ostalgiker ist jedenfalls, dass es einen sich vertiefenden Graben zwischen "dem Osten" und "dem Westen" gebe.

Nun gibt es in der Tat viele Unterschiede zwischen den deutschen Regionen, aber die allermeisten lassen sich nicht auf die Härten der Systemtransformation in Ostdeutschland zurückführen. Die sechzehn Länder der neuen Bundesrepublik sind unterschiedlich wohlhabend und kulturell teils hochgradig verschieden. Ich fühle mich als Ostberliner vom Leben in Hamburg viel mehr angesprochen als von dem im Schwarzwald oder auch in Chemnitz.  

Solche Unterschiede im Alltagsleben gab es übrigens auch schon in der DDR. Es war damals von erheblicher Bedeutung, ob jemand an der Ostseeküste, in Mecklenburg, in der Börde, im Oderbruch, im Havelland, im Thüringer Wald oder in der Sächsischen Schweiz gelebt hat. Wie es auch vor, während und nach der friedlichen Revolution in der DDR von Belang war, ob jemand – wie ich – SED-Mitglied war, oder ob jemand gegen die Herrschaft der Staatspartei frühzeitig opponierte, wie nur wenige. 

Die ostdeutsche Unzufriedenheit ist nicht selbsterklärend

In dem überwölbenden "Wir im Osten" gegen ein "Ihr im Westen", das aber die Neo-Ostalgiker konstruieren, finden die existierenden biografischen Unterschiede nur eine oberflächliche Entsprechung – auch die unter den Ostdeutschen. Und die Differenzen, die nun bestehen zwischen Ost und West und Ost und Ost, sind weder unvereinbar, noch in jedem Fall auf eine Ungerechtigkeit zurückzuführen.

Wünschen sich vielleicht manche eher Gegensätze herbei, weil es für die komplexe Gemengelage der Gegenwart keine simplen Antworten gibt? Natürlich gibt es in Ostdeutschland eine weit verbreitete Unzufriedenheit. Die ist aber nicht selbsterklärend, ihre Gründe sind so vielfältig wie der Osten. Die sogenannte Wendezeit – eine Vokabel der SED-Führung, die viele andere "friedliche Revolution" nennen – haben die Menschen in der DDR höchst unterschiedlich erlebt, wie auch die deutsche Einheit. Das hängt damit zusammen, wie die Menschen in dieser Zeit zur DDR, der SED-Herrschaft und der kommunistischen Weltanschauung standen, welche Erwartungen sie mit dem Ende des Kommunismus und mit der deutschen Einheit verbanden und ob sich diese als realistisch erwiesen.

Es gab am Ende der DDR Vorstellungen von einem Reformkommunismus, die von einem sozialdemokratischen dritten Weg, einem liberalen Verfassungspatriotismus, einer ökologischen Erneuerung, einem neoliberalen Wirtschaftswunder, einer Rückkehr zum Nationalstaat bismarckscher Prägung, und die bis hin zu einer rassistischen Volksgemeinschaft reichten. Vieles hat sich nicht erfüllt und manches anders, als die Beteiligten glaubten. Deshalb von den Ostdeutschen – wer immer das auch sein mag – als Verlierern der Einheit zu sprechen, das ist zumindest grob vereinfachend und hilft denen, die den demokratisch-republikanischen Verfassungsstaat damals wie heute ablehnten.

Das homogenisierende Opfernarrativ

Die rasanten Veränderungen seit 1989 haben viele in Ostdeutschland als Zumutung und Überforderung empfunden. Nicht wenige hegen deshalb einen Groll gegen die aktuellen Verhältnisse. Damit ist aber weder die Frage beantwortet, wie es dazu gekommen ist, noch, wer dafür jeweils verantwortlich war; erst recht nicht, warum die Mehrheit der Ostdeutschen die Regierungen in Bund und in den Ländern gerade in den schweren Neunzigerjahren immer wieder bestätigte. 

Man müsste diese Zusammenhänge anerkennen und sie dann aufklären, doch dem steht das homogenisierende Opfernarrativ im Weg, wie auch die Thesen von einer vermeintlichen Kolonisierung Ostdeutschlands durch den "Westen" oder der Treuhand als alleinigen Verursacher der Deindustrialisierung Ostdeutschlands. Dabei geschieht genau das, was gemeinhin "dem arroganten Wessi" vorgeworfen wird: Problematische Entwicklungen werden aus ihren Kontexten gerissen und vorschnelle Urteile gefällt. Man muss befürchten, dass diese Kolonialisierungserzählung vor allem politischen Akteuren dient, die aus ihr eines Tages eine Rechtfertigung außerkonstitutioneller Politik stricken könnten.

Ist Ostdeutscher nur, wer aus Ostdeutschland kommt?

Hinzu kommen verkürzende Deutungsangebote, von denen die Soziologin Naika Foroutan eines kreierte, als sie die Erfahrungen der ausländischen Migrantinnen und Migranten mit denen "der Ostdeutschen" nicht einfach nur verglich, was immer legitim wäre, sondern sie als weitgehend gleichartig wertete. Das ist methodisch problematisch und es homogenisiert persönliche Wahrnehmungen auf ahistorische Weise. Was beispielsweise ehemalige Funktionsträger des SED-Staates als Demütigung erlebt haben, unterschied sich zunächst erheblich davon, wie das die Beschäftigten in den maroden Betrieben der DDR-Planwirtschaft nach der selbstgewählten Einführung der Marktwirtschaft wahrnahmen.

Und das wiederum ist etwas ganz anderes als die alltäglichen Herabwürdigungen, die aufstiegsorientierte Migranten und ihre Kinder aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Aussehens erlebten. Die Thesen von Naika Foroutan sind für mich der unglückliche Versuch, aus disparaten Verhältnissen eine Solidaritätsgemeinschaft zu konstruieren. Insbesondere auch deshalb, weil dabei die Xenophobie und der Rassismus einfach ausgeblendet wurden, die Ostdeutschland an vielen Orten prägen. Stattdessen wurde lediglich das ohnehin dominante Opfernarrativ in Ostdeutschland bestätigt, das vor allem den Rechtsradikalen der AfD dient und das Gegenteil von innergesellschaftlicher Solidarität bewirkt.

Identität ist etwas Persönliches

Dass immer wieder behauptet wird, es gebe eine einheitlich ostdeutsche Identität, zeigt, wie ambivalent Identitätsfragen sind. Dabei handelt es sich um eine zutiefst persönliche Angelegenheit. Wer ich bin, was mich ausmacht, wem ich mich zugehörig fühle und ob das anerkannt wird, das hängt von vielen und sich ständig wandelnden Faktoren meines Lebens ab.

Es ist deshalb geradezu paradox, diesen individuellen und dynamischen Prozess zu einer fixierbaren und vor allem zu einer gemeinschaftlichen Angelegenheit erklären zu wollen. Vor dem Hintergrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts und auch aus meinen eigenen Erfahrungen in der DDR kann ich nur davor warnen, Gruppennormen wichtiger zu nehmen als persönliche Rechte und Freiheiten.

Die Gefahr der Gruppennorm

Auch wenn dies für einen selbst nicht zum ernsten Problem werden muss, war es oft genug doch für diejenigen der Fall, die sich dieser Gruppennorm nicht fügen wollten. Oder die von der Gruppe, einer Generation, der Klasse, der Nation oder dem Volk nicht als gleichberechtigt anerkannt wurden. Um es deutlicher zu formulieren: Wenn auf diesem Wege die ostdeutsche Herkunft zum Zugehörigkeitskriterium für eine ostdeutsche Identität genommen wird, dann wird die Grundlage für Rassismus im Alltag wie in den Institutionen nur erneuert. Das ist der problematische Kern von dem, was ich Neo-Ostalgie nenne. Und wer dies nicht erkennt, sollte sich fragen, ob das auch daran liegt, dass er oder sie bereits aus einer privilegierten, geschützten Position heraus spricht.

Es wäre langweilig, wenn es irgendwann mal keine Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland mehr gäbe. So wie es in der alten Bundesrepublik ja auch immer Unterschiede zwischen Nord und Süd gab, die keineswegs verschwunden sind. Ich selbst nenne mich weiterhin einen alten Ossi und meine damit in erster Linie meine Ostberliner Geburtsheimat. Eine ostdeutsche Herkunft aber qualifiziert weder für bestimmte Aufgaben, noch disqualifiziert sie. Wäre es nicht besser, würden biografische, regionale, soziale wie auch kulturelle und politische Unterschiede nicht hauptsächlich in Gegensätzen gedacht? Sondern als Chance, Herausforderung und Reichtum für das Land, das wir gemeinsam bewohnen. Und für die Welt, deren Zukunft keineswegs gesichert ist.