Die geballte Hilflosigkeit – Seite 1

Kein Zweifel, Prostitution ist in der Regel ein grausames und menschenverachtendes Geschäft. Wie aber soll der Staat mit Sexarbeit umgehen, die es seit Menschengedenken gibt und die man nicht aus der Welt zu kriegen scheint? Wie lassen sich Sexarbeiterinnen am besten schützen – indem man Prostitution erlaubt oder verbietet?

Seit Langem schon wird darüber gestritten, aber eine einvernehmliche Lösung wird und kann es wohl nicht geben. Zu verhärtet sind die Fronten, zu unversöhnlich die Positionen, zu unterschiedlich und diffus die kriminologischen, soziologischen und psychologischen Erkenntnisse.

Die einen sprechen von der Freiheit der Berufswahl und plädieren für die vollständige Legalisierung. Sie behaupten, so würden Sexarbeiterinnen am ehesten vor Gewalt, Ausbeutung und Stigmatisierung bewahrt.

Die anderen sagen, Sexarbeit sei fast immer Folge persönlicher und wirtschaftlicher Zwangslagen. Sie wollen Prostitution darum verbieten und werben dafür, nicht Sexarbeiterinnen zu kriminalisieren, sondern deren Kunden zu bestrafen.

Fundamentales Versagen

Doch diese Kolumne dreht sich nicht um den Grundsatzstreit, sondern um unerfreuliche Nebenerscheinungen eines zum Beispiel in Berlin erlaubten Sexgeschäfts. In dieser Kolumne geht es um den Straßenstrich im Zentrum der Hauptstadt, um betroffene Anwohner – und um ein fundamentales Versagen der Politik.

In Deutschland ist Prostitution grundsätzlich erlaubt. Doch ob, wo, in welcher Art und Weise und in welchem Ausmaß sie stattfindet, darf jedes Bundesland für sich regeln. Fast alle deutschen Städte haben sogenannte Sperrbezirke eingerichtet. Das sind räumlich festgelegte Viertel, in denen käuflicher Sex verboten ist. Offener Straßenstrich ist meist überall untersagt – in der Regel aus Gründen des Jugendschutzes und, wie es so schön heißt, wegen der Wahrung des "öffentlichen Anstands".

Nicht aber in Berlin, da dürfen derartige Sexgeschäfte fast an jedem Ort stattfinden. Sperrbezirke kennt man hier nicht – und die politische Mehrheit in den Rathäusern will sie offenbar auch nicht einführen.

Selbst der Straßenstrich gehört in manchen Wohngegenden zum Stadtbild, zum Beispiel bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts im Bezirk Mitte – genauer gesagt: im Bezirk Tiergarten-Mitte an der Grenze zum Nachbarbezirk Schöneberg zwischen Potsdamer Straße, Bülowstraße, Kurfürstenstraße und Genthiner Straße. Der Autor dieser Zeilen – das gehört zur Ehrlichkeit und muss darum erwähnt werden – lebt seit 2016 inmitten dieses Viertels und kennt die Verhältnisse aus eigener Anschauung.

Die Gegend ist hip geworden

In den Jahren der Teilung lag dieses Quartier an der Mauer und wurde darum baulich wie sozial vernachlässigt. Seit der Wiedervereinigung aber liegt es wie ehedem im Herzen der Hauptstadt und erblüht aufs Neue. Jeder Quadratmeter Brachland wird bebaut, oft zu horrenden Preisen. Der Bezirk ist hip geworden, neue Parks wurden angelegt, Sternerestaurants, Start-ups und Designerläden lassen sich nieder, Sony errichtet hier seine neue Deutschlandzentrale.

Die Gegend wandelt sich rasant, doch der Straßenstrich, wenngleich er auch ein wenig zurückgegangen ist, hält sich hartnäckig. Die Folge: Wo im schnellen Tempo neue Wohnhäuser, Geschäfte, Kindergärten und Spielplätze entstehen, bleiben den weiblichen und männlichen Straßenprostituierten und ihren Kundinnen für das Sexgeschäft immer weniger halbwegs verborgene, diskrete Freiflächen zur Verfügung. Es kommt darum immer öfter zu Konflikten zwischen Bewohnern und dem offenen Sexgewerbe.

Wie reagiert die Berliner Politik darauf? Gar nicht oder zu wenig.

Der Bezirksbürgermeister von Tiergarten-Mitte gehört zur Partei der Grünen, die in Berlin traditionsgemäß linker eingestellt ist als in vielen anderen Bundesländern. Stephan von Dassel jedoch stellt sich keineswegs taub gegenüber den Beschwerden der Anwohner. Ginge es allein nach ihm, würde er den Straßenstrich gern weiter zurückdrängen, vielleicht sogar die Möglichkeit eines Sperrbezirks in Erwägung ziehen. Doch seine Partei, die im Nachbarbezirk Schöneberg regierende SPD und der gesamte Berliner Senat ziehen da gegenwärtig nicht mit und verweigern ein Sperrbezirksgesetz.

Viele Grüne, Sozialdemokraten und Linke denken in erster Linie an die Sicherheit der Sexarbeiter. Sie sagen, dass die Prostituierten im Zentrum der Stadt, inmitten bewohnter Straßen, besser vor Gewalt geschützt seien als irgendwo allein am Rand.

Das Argument lässt sich durchaus nachvollziehen. Und natürlich sind viele Prostituierte Opfer. Allerdings gerät bei dieser alleinigen Betrachtungsweise das Wohl der Anwohner aus dem Blick. Auch sie haben berechtigte Interessen. Und sie sind Wählerinnen und darum für die Politik und die politische Zukunft der Stadt nicht ganz unwichtig.

Sex in Hauseingängen und auf Spielplätzen

Der Unmut der Bevölkerung in besagtem Wohnquartier jedenfalls wächst und konnte trotz runder Tische und Diskussionsveranstaltungen bislang nicht befriedet werden. Das zeigte sich auch wieder einmal, als vor anderthalb Wochen der grüne Bezirksbürgermeister zu einem Nachtspaziergang rund um den Straßenstrich einlud. Trotz eisigen Windes war der Andrang groß, einige Dutzend Nachbarn fanden sich ein, viele von ihnen waren ob der Begleitumstände des Straßenstrichs ziemlich aufgebracht.

Eine junge Mutter beschwerte sich, sie könne ihre kleine Tochter nicht mehr allein zur Grundschule gehen lassen, denn an einigen Kreuzungen stünden jetzt schon früh morgens um halb acht junge Sexarbeiterinnen.

Ein älterer Mann schimpfte, er habe seinem Enkel neulich erklären müssen, warum an der Ecke vor einer russischen Schule eine Prostituierte ohne Hosen stand und eine andere bei jedem vorbeifahrenden Auto wild mit dem Hinterteil wackelte.

Andere berichteten von offenem Sex zwischen parkenden Autos, in Hauseingängen oder auf Kinderspielplätzen. Sie beklagten die Verrichtung der Notdurft an der Bordsteinkante, aggressiver werdende Sexarbeiter und den nächtlichen Lärm laut palavernder Zuhälter. Und überall auf den Gehwegen lägen weggeworfene Kaffeebecher und Pommestüten, auf den Spielplätzen müssten oft morgens erst einmal Kondome und Spritzen beseitigt werden.

Kleine Lösungen gesucht

Der Bezirksbürgermeister war ob des geballten Bürgerzorns überrascht – und reagierte bisweilen auf Fragen leider ziemlich ungnädig. Warum sei der offene Straßenstrich erlaubt, warum gebe es keinen Sperrbezirk, wollten einige Anwohnerinnen wissen.

Stephan von Dassel zuckte mit den Schultern und meinte leicht unwirsch, man solle ihm bitte schön keine grundsätzlichen Fragen stellen. Die großen Probleme könne er nicht verändern, es gehe ihm hier und heute um kleine Lösungen, allein darum, zu hören, wie sich das Nebeneinander von Straßenstrich und Wohnviertel für Bürger erträglicher machen lasse.

So könnte man zum Beispiel mehr Papierkörbe aufstellen und vielleicht mobile Toiletten und sogar ein paar Verrichtungsboxen für das schnelle Sexgeschäft. Spielplätze und Parks sollte man mit noch höheren Zäunen, Absperrungen und verschließbaren Zugängen schützen. Auf die Bürgersteige vor Kindergärten, Schulen und Jugendeinrichtungen könne man noch mehr bunte Figuren als bisher sprühen. Sie sollen den Prostituierten und ihren Zuhältern signalisieren: Achtung, hier bitte nicht stehen!

Verzeihung, Herr Bürgermeister, an diese Aufforderung hält sich niemand. Die Einfahrten einiger privater und öffentlicher Gebäude wurden aus Verzweiflung bereits per Selbsthilfe vergittert.

Es gibt alternative Modelle

Nein, in der Beschränkung auf kleine Schritte zeigt sich ein wirkliches, großes Problem: die geballte Hilflosigkeit der Stadtverwaltung und der Berliner Politik. Denn die Antwort auf die vielen negativen Folgen des Straßenstrichs kann und darf doch nicht lauten, dass die Bewohnerinnen sich immer stärker einbunkern, weil die Stadt partout keine Sperrbezirke will. Wer so denkt und handelt, fördert Politikverdrossenheit.

Dabei existieren in Deutschland durchaus Alternativmodelle, die zugleich die Sicherheit der Sexarbeiterinnen im Auge haben. In Köln etwa war der Straßenstrich lange mitten in der Stadt, gleich hinterm Hauptbahnhof. Die Anwohner beschwerten sich, aber nicht einmal die Einrichtung eines Sperrbezirks brachte Erleichterung.

Doch dann schuf Köln inmitten des Industriegebiets Niehl einen sogenannten betreuten Straßenstrich. Seit einigen Jahren nun stehen dort nicht nur Verrichtungsboxen, sondern auch Container der Polizei und der sozialen Dienste. Eigens dafür abgestellte Polizisten und Sozialarbeiterinnen schützen Sexarbeiter vor der Gewalt mancher Kunden.

Der Unmut wird kleingeredet

Das Modell schafft selbstverständlich nicht alle Probleme aus der Welt, aber es scheint zu helfen – und zu befrieden. Das berichtete jedenfalls eine Kölner Expertin, die vor einiger Zeit auch in Berlin dazu vortrug.

Der grüne Berliner Bezirksbürgermeister von Tiergarten-Mitte zeigte beim Nachtspaziergang durchaus Sympathie für dieses Modell, doch sieht er dafür keine politische Mehrheit in der Stadt. Und außerdem, so von Dassel, möge man bei all dem berechtigten Protest doch bitte schön nicht vergessen, dass der Straßenstrich nur ein ganz kleines Problem sei im Vergleich zu vielen anderen Schwierigkeiten in der Stadt.

Das mag sein – und selbst Berlins Probleme, so ließe sich der Gedanke weiterspinnen, sind im Vergleich mit vielen in der Welt verschwindend gering und kaum der Rede wert. Doch wer den Unmut von Wählerinnen und Wählern derart kleinredet, verprellt sie noch mehr. Und mit Verlaub, Herr Bürgermeister, diese Antwort verkennt einen Schlüsselsatz der Politik: All politics is local!