Seit Tagen trendet das Hashtag Baseballschlaegerjahre: Hunderte haben bisher in Tweets beschrieben, was ihnen in den Neunziger- und Nullerjahren mit Neonazis geschehen ist. Es macht beklommen und verändert etwas in einem, zumindest bei mir.

Ich habe dieses Hashtag in die Welt gesetzt. Mit dieser Wucht habe ich aber nicht gerechnet. Es fing an, als ich einen erschütternden autobiografischen Text des Rappers Hendrik Bolz im Freitag las. Er schilderte die Realität seiner Jugendtage und was er da beschrieb, war mir so vertraut, dass es fast wehtat.

Faschos waren allgegenwärtige Begleiter meiner Kindheit, waren Kassierer im Supermarkt, Erzieher im Ferienlager, große Geschwister von Freunden, die auf dem Schulweg nett winkten, und sie bildeten Gruppen, die vor Haustüren und auf Spielplätzen lungerten und den öffentlichen Raum unangefochten beherrschten.

Es ist Menschen, die das nicht erlebt haben, schwer zu erklären, wie es war, als die Glatzen die Straßen dominierten. So etwas wie rechter Alltagsterror passt in den Augen der meisten nicht zu Deutschland. Einem Land, das viele – voller Stolz oder voller Abscheu – immer noch für liberal halten.

Mir erscheint es selbst im Rückblick manchmal surreal, in einem Deutschland gelebt zu haben, das teilweise wie ein Nachkriegsschauplatz wirkte. Aber genau so war es. Es ist so viel geschehen, dass man von einer eigenen Phase der deutschen Geschichte sprechen kann. Die tief in die Gegenwart hineinragt.

Seit 1990 fielen dem Rechtsextremismus etwa 180 Menschen zum Opfer. Aber da waren nicht nur die Toten. Da waren auch Tausende Verletzte, Geschlagene, Verängstigte, Traumatisierte. Jeder, der einmal zusammengeschlagen wurde, kennt die inneren Verletzungen, die eine Gewalttat hinterlässt. Sich wochenlang nicht mehr auf die Straße zu trauen und noch lange danach Angst zu verspüren bei allen möglichen Alltagshandlungen – so war die Lebenswelt vieler, die in den sogenannten national befreiten Zonen der Neunziger und Nuller aufwuchsen. Und nicht mitmachten, wenn mancherorts viele andere Bomberjacken anzogen.

All das wühlte in mir, als ich dies twitterte: "Ihr Zeugen der Baseballschlägerjahre, sprecht und schreibt von den Neunzigern und Nullern. It's about time." In mir war eine Mischung aus Schmerz und Wut, die ich seit sehr langer Zeit spüre. Etwa das Gefühlsgemisch, das sicher viele andere auch empfanden, als sie das Schicksal von Marwa El-Sherbini erfuhren, der Ägypterin, die vor gut zehn Jahren in Sachsen vor den Augen ihres Mannes und ihres Kindes ermordet wurde, bloß weil sie Muslimin war. Oder das von Marinus Schöberl, der in Brandenburg von Neonazis zu Tode gequält wurde.

Und dann ging es los. Bis heute. Es melden sich Menschen aus Ost und West, mit Migrationshintergrund und ohne. Es berichten Frauen und Männer, Werber und Politikerinnen oder Menschen, die ziemlich nicht elitären Berufen nachgehen. Viele mit Bild und Klarnamen. Sie berichten von Gewaltexzessen, aber auch von diesen niederschmetternden alltäglichen Machtdemonstrationen, wenn Lehrerinnen oder Polizisten nicht fähig oder nicht willens waren zu helfen. Oder über die Lage in manchen Dörfern, wo Neonazis so sehr dominierten, dass es kaum möglich war, nicht mitzumachen.

Es ist noch zu früh zu sagen, was sich aus diesen Hunderten, hoffentlich bald Tausenden Einzelschilderungen ergibt. Das Bild wird, wenn es gut läuft, jeden Tag neue Farben, Details und Widersprüche bekommen. Ich wünsche mir sehr, dass noch mehr Menschen mit Migrationshintergrund beschreiben, was sie erlebt haben. Sie waren und sind immer die zuallererst Betroffenen und sie wurden und werden am seltensten gehört. Unter dem Hashtag Baseballschlaegerjahre soll das anders sein. Schreiben Sie in der Sprache, die Sie am besten sprechen.

"Rechte Gewalthegemonie ist unabhängig von Ort und Zeit eine reale Bedrohung", schrieb zum Beispiel der User Aiko Kempen, dessen ergreifende Geschichten in der Ukraine und in Russland spielen. Die Baseballschlägerjahre fanden in vielen Ländern und natürlich auch im Westen Deutschlands statt. Erschütternde Berichte rechter Alltagskultur kommen aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern, der Schwäbischen Alb und aus vielen anderen Gegenden.

Und natürlich reicht das Thema bis weit vor 1990 zurück. Schon weit vor der Wiedervereinigung gab es gewaltbereite Neonaziszenen in Ost wie West. Übrigens – auch das erfährt man unter #Baseballschlaegerjahre – sind viele noch nicht verschwunden. Es gibt Menschen, die sich von ihrer rechtsextremen Weltsicht gelöst haben. Zugleich sammeln sich neue Neonazis heute in Türsteher- und Kampfsportszenen, sie gehören zu rechten, angeblichen Bürgerinitiativen, während viele der alten Glatzen hinter einer besorgt-bürgerlichen Fassade geblieben sind, was sie immer waren: Menschen, die nicht aufhören können, andere abzuwerten.

Viele aus dieser Generation, das sah man zuletzt wieder in Thüringen, wählen heute die AfD. In wenigen Tagen feiern, ja wir feiern den 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution. Wir begehen die eigentliche Geburtsstunde des neuen Deutschland, das doch seit Jahren auseinanderzudriften scheint. Ein Land, in dem lange unterdrückte Stimmen endlich zu hören sind, während mancher lang Etablierte sich genau davon zurückgesetzt fühlt. Ein Land, in dem sich eine international vernetzte rechtsautoritäre Bewegung breitmacht und dabei auch Strukturen nutzt, die sich in den Baseballschlägerjahren breitgemacht haben. Bisher sieht es nicht so aus, als würden diese Konflikte zu den Feierlichkeiten am 9. November offen verhandelt werden. Vielleicht kann dieses Hashtag dazu beitragen, Dinge anzusprechen, die lange verschwiegen wurden. Und Gespräche ermöglichen zwischen Menschen, die sich näher sind, als sie denken. Weil sie alle einmal dieselbe lähmende Angst gespürt haben: die vor zu allem entschlossenen Rechtsextremen.