Sexismus ist in der deutschen Gesellschaft allgegenwärtig, wird aber von Männern und Frauen unterschiedlich stark wahrgenommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Demnach beobachten 68 Prozent der Frauen und 50 Prozent der Männer Sexismus in ihrem Umfeld. 

Männer und Frauen "erleben dieselbe Wirklichkeit, nehmen sie aber anders wahr und deuten dieselben Situationen unterschiedlich", schreibt der Soziologe Carsten Wippermann. Für die bevölkerungsrepräsentative Studie befragte sein Delta-Institut für Sozial- und Ökologieforschung 2.172 Menschen ab 16 Jahren, sie liegt ZEIT ONLINE exklusiv vor.

Damit hält die Studie wissenschaftlich fest, was sich bereits in den öffentlichen Debatten zu #MeToo und #Aufschrei zeigte. Die meisten Befragten sind sich demnach einig über den Kern von Sexismus: Eine Person werde aufgrund ihres Geschlechts herabgesetzt und als Objekt für eigene Zwecke instrumentalisiert, sei es zur eigenen Profilierung, Luststeigerung oder aus Dominanzgebaren, erklärt Wippermann. Außerdem gebe es praktisch keine Sphäre der Gesellschaft, die frei von Sexismus sei, egal, ob Öffentlichkeit, Medien, Beruf oder Privatleben, online ebenso wie offline.

Welche konkreten Handlungen und Äußerungen aber sexistisch sind, darüber herrscht Uneinigkeit – mit Ausnahme von schweren Übergriffen wie Vergewaltigung. In einer ebenfalls in der Studie enthaltenen qualitativen Befragung habe sich gezeigt, "dass Frauen und Männer bei vielen Spielarten selbst unsicher sind in der Deutung, bei der sie falschliegen und die Wahrnehmung bzw. das Motiv des je anderen missinterpretieren", schreibt Wippermann. Er bezeichnet Sexismus deshalb als Kommunikation, an der mindestens zwei Akteure beteiligt sind, und diesen Akt für sich interpretieren. "Was für einen Absender sexistisch gemeint sein kann, muss vom Empfänger nicht so verstanden werden" – und andersherum.

44 Prozent der Frauen persönlich betroffen

Gefragt nach ihrer eigenen Betroffenheit antworteten 44 Prozent der befragten Frauen und 32 Prozent der Männer, dass sie derzeit Sexismus gegen sich persönlich erleben. Wöchentlich sehen sich acht Prozent der Frauen und sieben Prozent der Männer Sexismus ausgesetzt. Frauen, die Sexismus erleben, tun das zu 60 Prozent durch Unbekannte, Männer, die Sexismus erleben, zu 46 Prozent.

Nachdem im Oktober 2017 bekannt geworden war, dass der US-Regisseur Harvey Weinstein Schauspielerinnen sexuell genötigt haben soll, hatten Betroffene, vor allem Frauen, in sozialen Medien unter dem Hashtag #MeToo weltweit über Sexismus und sexualisierte Gewalt berichtet. In der aktuellen Befragung sind sich ein Viertel der Männer und Frauen einig, dass die #MeToo-Debatte dazu beigetragen hat, dass es weniger Sexismus im Alltag gebe.

Bereits 2014 hatte es nach einem Bericht des stern über den FDP-Politiker Rainer Brüderle eine ähnliche Diskussion unter dem Hashtag #Aufschrei gegeben, in der über Alltagssexismus berichtet wurde.

Ein weit verbreiteter Vorwurf lautet seitdem, man (gemeint sind meist Männer) wisse ja nun gar nicht mehr, was beim Flirten noch erlaubt sei. Dies wird durch die Befragung für den Großteil der Bevölkerung widerlegt. Dass es, zumindest in der Theorie, einen klaren Unterschied zwischen Sexismus und einem Flirt gibt, bekräftigt eine große Mehrheit der Befragten: Für 73 Prozent haben Flirten und Sexismus nichts miteinander zu tun. 27 Prozent stimmen dagegen der Aussage zu, dass Sexismus nicht immer schlimm sei, sondern nur eine Art von Flirten (33 Prozent der Männer und 22 Prozent der Frauen sehen das so.)

Auch geben 82 Prozent der Frauen und 72 Prozent der Männer an, dass sie das unerwünschte Senden von Bildern mit sexuellem Inhalt als Sexismus ansehen. Den meisten Männern ist demnach klar, dass Penisbilder nicht als Flirtversuch durchgehen.

Im Alltag gibt es Missverständnisse

Allerdings gibt es offenbar eine Lücke zwischen dem, was die Befragten theoretisch als Sexismus definieren und dem, was sie im Alltag auch als solchen erkennen. Dass Frauen mehr Sexismus in ihrer Umgebung beobachteten als Männer liegt laut Wippermann auch an unterschiedlichen "Wahrnehmungsfiltern" und der Kompetenz, sich in andere hineinzuversetzen. Demnach nehmen nicht nur Männer generell weniger Sexismus in ihrem Umfeld wahr, auch nehmen Frauen seltener als Männer Sexismus zum Nachteil von Männern wahr. Es spreche einiges für die Hypothese, dass Sexismus von einer Asymmetrie zwischen Tätern und Betroffenen begleitet sei, sagt Wippermann, und dass diese Asymmetrie auch in der Ignoranz der Täter bestehe, sich die Wirkung ihrer ausgesandten Signale auf die Betroffenen vorzustellen und zu verantworten.

Der Großteil der Befragten, die von Sexismus betroffen sind, sagten, sie fänden es schwierig, sich zur Wehr zu setzen. 90 Prozent der von Sexismus betroffenen Frauen haben noch nie eine Anzeige nach einem sexistischen Übergriff erstattet, 86 Prozent der betroffenen Männer ebenso wenig. Der Großteil der Befragten fordert außerdem von der Politik mehr Maßnahmen, um Sexismus vorzubeugen.

"Sexismus ist nichts, das wir einfach tolerieren oder ignorieren können", sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey ZEIT ONLINE. Ihr Ministerium unterstützt laut einer Sprecherin bereits Initiativen wie das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen". Giffey will nun zusammen mit Vertretern von Bund und Kommunen, von Verbänden und Unternehmen sowie aus Kultur und Medien konkrete Empfehlungen erarbeiten und umsetzen. "Wir brauchen breite gesellschaftliche Bündnisse, denn Politik allein kann hier nicht alles richten", sagte die Ministerin. "Gemeinsam müssen wir Sexismus als das bezeichnen, was er ist: nämlich eine Form von Gewalt."