Im November 1989 rissen die Ostdeutschen die Berliner Mauer ein. Fotos davon – tanzende Menschen auf der Mauer, weinende Ostdeutsche an den Grenzübergängen – sind in unser kollektives visuelles Gedächtnis eingegangen. Der britische Fotojournalist Tom Stoddart ist einer von denen, die uns diese buchstäblich unvergesslichen Bilder verschafft haben – mehr oder weniger aus Zufall. Am Morgen des 9. November 1989 reiste er auf eigene Faust von London nach Berlin. Wenige Stunden später wurde die Mauer geöffnet. Stoddart war zur richtigen Zeit am richtigen Ort – und einer der ersten internationalen Fotografen, die in den ersten Minuten nach der Maueröffnung in Bildern festhielt, wie die ersten Ostberliner in den Westen kamen.

ZEIT ONLINE: Herr Stoddart, 1989 waren Sie ein 36-jähriger freier Fotojournalist.

Tom Stoddart: Ja, das ist lange her, heute bin ich 66 Jahre alt, ich war jung 1989, freier Fotojournalist und habe an eigenen Geschichten in Europa gearbeitet. Nachrichtenmagazine hatten zu dieser Zeit noch großes Interesse an Fotojournalismus. Im Herbst 1989 habe ich für das Time Magazine die Demonstrationen in Ostberlin fotografiert. Ich bin nach diesem Auftrag zurück nach London geflogen, hab meine Filme im Labor entwickeln lassen, die Negative meinem Agenten nach New York geschickt. Mein Instinkt sagte mir, dass ich noch mal zurück nach Berlin fahren sollte.

Am Morgen des 9. November 1989 bin ich in London losgegangen und landete am Nachmittag in Berlin-Tegel. Ich fuhr direkt vom Flughafen mit dem Taxi zum Checkpoint Charlie. Das Radio lief und plötzlich wurde das Programm unterbrochen. Der Taxifahrer drehte die Lautstärke auf und sagte mit begeisterter Stimme: "Die öffnen die Grenze!"

15 Minuten später traf ich am Checkpoint Charlie ein – niemand war da. Der Platz war leer und plötzlich kamen erste Menschen dazu – zuerst Hunderte, danach Tausende. In diesem Moment realisierte ich, dass dies nicht das Ende der Welt ist, sondern ein spezieller Moment für mich als britischer Fotojournalist. Ich schaffte es ins "Niemandsland" zwischen Checkpoint Charlie und dem Westen.

Plötzlich standen diese beiden Frauen vor mir, sie weinten vor Freude. Es kamen immer mehr Menschen auf mich zu.

Einige Minute später erreichte ich das Brandenburger Tor. Tausende Menschen standen auf der Mauer, ein Feuerspucker spuckte Feuerflammen in die Nacht. Menschen haben gesungen, ein Mann hat Gitarre gespielt. Die Menschen feierten und konnten noch gar nicht richtig realisieren, was da gerade passiert war.

Zwei jubelnde Ostberliner freuen sich am Check Point Charlie in der Nacht vom 9. November 1989 © Tom Stoddart/​Getty Images

ZEIT ONLINE: Wie lange waren Sie in Berlin unterwegs?

Stoddart: Ich war ja auf eigene Faust da und hatte keinen genauen Plan. Ich wusste nur, dass ich da sein wollte. Als ich an diesem 9. November 1989 inmitten dieser Szenerie war, rief ich meinen Agenten in New York an und er verschaffte mir einen Auftrag für das Time Magazine. In dieser Nacht habe ich richtig viel Geld verdient, es war mein lukrativster Auftrag. Und fotojournalistisch ist es eine Arbeit, die mich bis heute beschäftigt.

ZEIT ONLINE: Ihre Fotos vom 9. November 1989 bestechen durch Emotionalität.

Stoddart: Die Emotionen vor Ort bei den Menschen und mir waren sehr stark. Ich wusste, dass dies die größte Geschichte meines journalistischen Lebens war. Und mir war klar, dass am nächsten Tage Hunderte von Journalisten aus der ganzen Welt auf dem Platz sein würden. In unserem Beruf ist es besser, glücklich als gut zu sein. Die Menschen wussten auch in dieser Nacht nicht, wie lange die Mauer offen bleiben würde. Ich war einer der wenigen Fotojournalisten, die vor Ort waren und diese Situation eingefangen haben. Ich erlebte eine Feier und keinen Protest.

Am 10. November 1989 bearbeitet Henning Pless mit dem Hammer ein Teil der Berliner Mauer © Tom Stoddart/​Getty Images

ZEIT ONLINE: Hatten Sie ein Bild vom Fall der Mauer im Kopf?

Stoddart: Ich dachte, die Mauer fällt nie, die wirkte so stark. Die ostdeutschen Grenzwächter standen oben auf der Mauer und haben mit Wasserwerfern versucht, die Menschen daran zu hindern, die Mauer mit Hämmern aufzubrechen. Es war November, es war kalt. Die Menschen haben sich nicht von ihrem Vorhaben abhalten lassen. Ich sah während der ganzen Zeit nie einen verwundeten Menschen, nicht so wie bei den Protesten in Hongkong in diesen Tagen.

Ein junger Mann mit einer Westdeutschen Flagge in der Nacht des 9. November 1989 © Tom Stoddart/​Getty Images

ZEIT ONLINE: War es für Sie in dieser Situation ein Vorteil, ein Ausländer zu sein?

Stoddart: Da bin ich mir nicht sicher, ich bin mir jedoch sehr sicher, dass es richtig war, dort zu sein. Im Rückblick wurden bessere Fotos von besseren Fotojournalisten produziert.

Ich arbeitete nach dem Fall der Mauer noch weiter in Deutschland. Ich produzierte Geschichten zu den Panzerfriedhöfen und zu den Aufräumarbeiten in Ostdeutschland.

Am 10. November 1989 stehen Ostdeutsche Grenzwächter auf der Bildermauer © Tom Stoddart/​Getty Images

ZEIT ONLINE: 25 Jahre nach dem Fall der Mauer haben Sie sich aufgemacht, die Menschen, die Sie im November 1989 fotografiert haben, zu finden.

Stoddart: Ich wollte ihre Geschichte erzählen. Ich habe 6 Monaten daran gearbeitet, die Menschen zu finden. Ich habe Plakate in Berlin aufgehängt und Anzeigen in Regionalzeitungen geschaltet.

ZEIT ONLINE: Vor fünf Jahren haben Sie sich intensiv mit der deutsch-deutschen Geschichte beschäftigt. Welche Geschichten wollten Sie erzählen?

Stoddart: Ich wollte eine Geschichte über Neonazimädchen und -frauen machen. Das habe ich dann auch gemacht. Danach kam die Flüchtlingskrise und ich habe syrische Flüchtlinge von Lesbos in ihre neue Heimat in Berlin begleitet.

ZEIT ONLINE: Besten Dank für das Gespräch.

Tom Stoddart in den Räumlichkeiten des Getty Images Hulton Archive in London © Kalpesh Lathigra für ZEIT ONLINE