In Venedig ist der Wasserpegel am Sonntag erneut auf 1,50 Meter über dem Meeresspiegel gestiegen, wie die Behörden mitteilen. Es war das dritte Mal seit Dienstag, dass ein solch hoher Wert gemessen wurde. Die Lagunenstadt mit ihren zum Unesco-Weltkuturerbe zählenden historischen Bauten stand zu großen Teilen unter Wasser. Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1872 war der Wasserpegel noch nie zweimal im Jahr über 1,50 Meter gestiegen.

Für Sonntag hatte das Gezeitenbüro der Kommune die höchste Warnstufe ausgerufen. Die schlimmste Prognose bestätigte sich allerdings nicht: Das Wasser sollte nach Einschätzung des Centro Previsioni e Segnalazioni Maree bis zum Mittag sogar auf einen Stand von 1,55 bis 1,60 Metern steigen.

Espresso in Gummistiefeln

Läden und Museen rund um den Markusplatz waren geschlossen, auch der Platz selbst wurde gesperrt. Weil er besonders tief liegt, waren dort die Überschwemmungen am schlimmsten. Dennoch kamen einige Touristen mit Gummistiefeln, machten Fotos und setzten sich in Cafés zu einem Espresso oder einem Aperol Spritz. An Stellen, an denen das Wasser besonders hoch reichte, banden sich Besucher über ihren Stiefeln Mülltüten an die Beine.

Viele Ladenbesitzer hatten ihre Geschäfte bereits leergeräumt. Andere lagerten ihre Waren möglichst hoch und hofften, dass die automatischen Pumpen das Wasser im Zaum halten würden. In einer Luxusboutique kämpften die Angestellten mit Wischmopps und Wassersaugern gegen das brackige Lagunenwasser an.

Der Bürgermeister von Venedig, Luigi Brugnaro, schätzte die Flutschäden auf Hunderte von Millionen Euro; das gesamte Ausmaß werde aber erst sichtbar sein, wenn das Wasser zurückgegangen und Venedig wieder trocken sei. Doch auch für den Beginn der kommenden Woche ist noch kein Ende des Hochwassers in Sicht.

Am Dienstag vergangener Woche hatte die höchste Flut seit mehr als 50 Jahren riesige Schäden in der Unesco-Welterbestadt angerichtet. Starke Sciroccowinde mit Böen von bis zu 100 Kilometern pro Stunde über der Adria hatten den Meeresspiegel in der Lagune zusätzlich zum üblichen Tidenhub ansteigen lassen. Das Wasser war auf bis zu 187 Zentimeter über Normal-Null gestiegen. Nur einmal seit Beginn der Aufzeichnungen hatte es ein schwereres Hochwasser in Venedig gegeben: 1966 lag der Pegel bei 1,94 Metern. Auch am Freitag standen Teile der Altstadt erneut unter Wasser.

Acqua alta – jeden Winter gibt es Hochwasser in Venedig

Dass es im Winter bei Vollmond in Venedig zu Hochwassern kommt, ist im Laufe der Gezeiten normal. Jedes Jahr Mitte November erreicht die Acqua-alta-Saison ihren Höhepunkt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen in der Zunahme besonders starker saisonaler Hochwasser aber auch eine Folge des globalen Klimawandels. Der Bürgermeister von Venedig kündigte anlässlich der aktuellen Lage an, ein internationales Zentrum für Klimawandelstudien in Venedig einrichten zu wollen, das sich auch mit der Wasserverschmutzung beschäftigen solle. "Ich will einen großen Appell an die Wissenschaftler richten: Kommt hierher."

Die italienische Regierung hat wegen der Überschwemmungen den Notstand in Venedig verhängt und 20 Millionen Euro "für die dringendsten Maßnahmen" in der Lagunenstadt zugesagt. In Venedig leben rund 50.000 Menschen. Mit ihren malerischen Kanälen und historischen Gebäuden lockt die Stadt jährlich aber 36 Millionen Touristen an. Etwa 90 Prozent von ihnen kommen aus dem Ausland.

Lawinengefahr in tiefen Lagen

Unterdessen warnte der Zivilschutz für fast ganz Italien vor Sturm und Niederschlägen. In Südtirol herrschte am Sonntag Schneechaos. Die Brennerautobahn war zwischen Brixen und Sterzing wegen heftiger Schneefälle gesperrt, teilte die Verkehrsleitzentrale mit. Im Ort Martell sei eine Lawine abgegangen, einige Häuser seien beschädigt worden, Verletzte gebe es aber vermutlich nicht, berichtete der Fernsehsender Rai Südtirol. Über Rom fegte in der Nacht ein Sturm. Zahlreiche Bäume kippten um. Auch in der Toskana herrschte Alarm. In der Gegend um Grosseto wurden Dächer abgedeckt, teilte die Feuerwehr mit.

Auch bis in mittlere und tiefe Lagen könnten Lawinen abgehen, warnte die Landesverwaltung in Bozen. "Zu rechnen ist auch mit umstürzenden Bäumen, Steinschlägen und Erdrutschen, kleinräumigen Überflutungen, Strom- und Kommunikationsausfällen sowie Verkehrsbehinderungen."

Hochwasser - Das Wasser steigt Der Pegelhöchststand im überfluteten Venedig hat 1,60 Meter erreicht. Entspannung ist nicht in Sicht, für das Wochenende sind neue Wassermassen angekündigt. © Foto: FILIPPO MONTEFORTE/AFP/Getty Images