Als die Berliner Mauer fiel, stieg in der westlichen Welt das Gespenst des "Fourth Reich" auf – die Vorstellung von einem neuen Großdeutschland, das abermals nach der Vorherrschaft greifen würde. Es war vor dreißig Jahren schon ein Hirngespinst und ist es bis heute geblieben.

Absurd war das Angstgebilde nicht. Die 1990 wiedervereinigten Deutschen waren nun wieder die Nummer eins – mit der stärksten Wirtschaft, größten Bevölkerung und mächtigsten Armee. (Bundeswehr und NVA addierten sich auf 680.000 Soldaten.) Fallen würden, so der Gedankengang, die Ketten des Kalten Krieges, welche die Deutschen eingebunden und gezähmt hatten. Im Herzen Europas würde sich wieder sich jene unheimliche Macht zurückmelden, die zweimal im 20. Jahrhundert die Welt ins Verderben gestürzt hatte. Das "Fourth Reich" wurde zum geflügelten Wort.

Kein Wunder, dass die großen Nachbarn – England, Frankreich, Italien – die Wiedervereinigung zu stoppen, zumindest zu verlangsamen suchten.  Die Deutschen hatten Glück. Es kam in Gestalt des US-Präsidenten George H. W. Bush daher, der die Ängste beiseiteschob: "Ich teile nicht die Sorge mancher europäischen Länder über ein geeintes Deutschland"; denn "unerschütterlich ist das deutsche Bekenntnis zur Allianz". Washington räumte Stein um Stein aus dem Weg; 1994 waren die letzten russischen Truppen aus dem Land verschwunden.

Es war ein Segen sondergleichen. Anders als das Bismarck-Reich 1871 wurde Deutschland nicht gegen, sondern mit Europa vereint – ein geradezu märchenhaftes Wiegengeschenk. Anders als die Weimarer Republik war Deutschland nicht von Feinden umzingelt. Es blieb eingebettet in die westliche Gemeinschaft. Es rüttelte nicht an den Grundfesten der europäischen Ordnung, hatte Berlin doch feierlich auf die verlorenen Ostgebiete sowie auf eigene Atomwaffen verzichtet.

Die Deutschen traten nicht mehr als Eroberer auf, sondern als "Friedensmacht", um ein Wort von Willy Brandt aufzugreifen, das seitdem Teil der Staatsräson ist. Statt in der neuen Freiheit Machtpolitik zu betreiben, integrierte sich die Bundesrepublik noch tiefer in Europa, vorweg mit der Vergemeinschaftung der D-Mark im Euro. Sie hat nicht wie Kaiser und Führer auf-, sondern abgerüstet. Die Bundeswehr ist auf 180.000 zusammengeschrumpft. Dieses Deutschland bedrohte niemanden und wurde auch nicht bedroht. Der Riese verzwergte sich und wurde 2014 laut BBC-Umfrage zum beliebtesten Land auf Erden.

Auf dieser neuen Bühne entfaltete sich des Märchens zweiter Teil: eine Kulturrevolution, welche die ängstlichen Nachbarn in Erinnerung an Wilhelm und Adolf zunächst nicht erkannt hatten. Denn die Bundesrepublik wollte von Anfang an das Gegenteil des "Vierten Reichs" sein. Die Rattenfänger hatten ihr Geschäftsmodell verloren; der innenpolitische Machtkampf entfaltete sich in der Mitte, während die Extreme gekappt wurden. Weder der Terror der RAF noch Massenarbeitslosigkeit konnten den liberalen Rechtsstaat aushebeln. Selbstbescheidung statt Überhebung ist das Markenzeichen der Zweiten Deutschen Republik.

Was ist dann das Problem dreißig Jahre nach dem Mauerfall?

Es ist nicht Überdehnung, sondern "Unterdehnung". Denn morsch wird so manches Brett der internationalen Bühne, die den Deutschen fast ein Menschenalter lang fast kostenfreie Sicherheit bot. Waffengewalt war für die anderen, derweil die Deutschen ihren Garten kultivierten und Exportüberschüsse anhäuften. Nun rüttelt im Westen Donald Trump an den alten Sicherheitsgarantien. Im Osten schiebt Wladimir Putin seine Schachfiguren vor. Im Süden und Südosten drängen Migranten und Flüchtlinge nach Europa. Die humanitäre Pflicht kollidiert mit dem Gebot der Grenzsicherung, die in der Hand des türkischen Machtmenschen Erdoğan einen prächtigen Hebel gegen die EU abgibt. Mal will der Mann Geld, mal Fügsamkeit, und die EU gibt beides.

Aufgrund ihrer segensreichen Karriere hat die Friedensmacht Deutschland die neuen Bedrohungen noch lange nicht verarbeitet, weder seelisch noch militärisch. Welch ein Paradox! Anno 1989 graulten sich die Freunde vor dem "Vierten Reich", das in ihrer Mitte aufwachsen würde – ausgreifend und arrogant. Heute sehnen sie sich geradezu nach einem deutschen Einsatz in üblen Zeiten. Die Friedens- soll endlich zur Verantwortungsmacht heranwachsen, die nicht nur kommerziell, sondern auch strategisch denkt, und zwar für das Ganze.

Die damalige Verteidigungsministerin von der Leyen prägte 2015 das Wort vom "Führen aus der Mitte". Sie übersah, wie schief das Bild war. Aus der Mitte können Schäfer allenfalls führen, wenn keine Wölfe in der Nähe lauern. Führen heißt, erstens, zielgerecht nach vorn zu gehen und, zweitens, die Sicherheit der Schafe zu organisieren, statt in der Mitte zu wandern. Die heutige Verteidigungschefin (AKK) hatte mit der Schutztruppe entlang der türkisch-syrischen Grenze schon mal eine gute Idee. Aber gut gemeint ist das Gegenteil von gut – jedenfalls in einer Nation, die siebzig Jahre lang gelernt hat, wie kommod das Leben in der Herde ist.

Hinzu kommt eine politische Konjunktur, wo die Deutschen selber führungslos sind und die Mitte – hier die Merkel-, dort die SPD-Dämmerung – von den Flanken her aufgerieben wird. Ein stabiles Gemeinwesen kann sich eine Weile lang selber regieren. Bloß mehren sich die Weckrufe in Gestalt von Trump, Putin, Xi und Erdoğan, die an Europas Sicherheit nagen. Lichtjahre trennen Deutschland vom "Vierten Reich", das einst die Gemüter quälte. Jetzt dozieren die Freunde wie im ersten Spider-Man-Film: "Mit großer Macht kommt auch große Verantwortung."