Die Zahl der Menschen ohne Wohnung ist in Deutschland im vergangenen Jahr auf 678.000 gestiegen. Das geht aus einer Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG W) Wohnungslosenhilfe e.V. hervor. "Gegenüber dem Vorjahr 2017 bedeutet dies einen Anstieg bei der Jahresgesamtzahl um 4,2 Prozent", sagte die Geschäftsführerin der BAG W, Werena Rosenke, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. 2017 lag die Zahl der Wohnungslosen laut BAG W noch bei 650.000 Menschen.

Als wohnungslos gelten neben Obdachlosen auch Menschen, die in Sammelunterkünften leben. Besonders gefährdet von Wohnungslosigkeit sind demnach Alleinerziehende und junge Erwachsene.

Laut der Schätzung gab es im vergangenen Jahr rund 237.000 wohnungslose Menschen – Flüchtlinge nicht einbezogen – sowie etwa 441.000 wohnungslose anerkannte Flüchtlinge. Dabei stieg die Zahl der wohnungslosen Menschen ohne Fluchthintergrund mit 1,2 Prozent weniger stark als die Zahl der wohnungslosen anerkannten Geflüchteten mit 5,9 Prozent.

Dabei leben 70 Prozent der Wohnungslosen ohne Fluchthintergrund mit Partnern und /oder Kindern zusammen. Die Zahl der wohnungslosen Kinder und Jugendlichen machte laut Schätzung der Arbeitsgemeinschaft einen Anteil von acht Prozent aller Wohnungslosen aus. Der Anteil der erwachsenen Männer ohne Fluchthintergrund liege bei 73 Prozent, der Frauenanteil bei 27 Prozent (59.000).

Etwa 17 Prozent der Wohnungslosen (ohne Einbezug der wohnungslosen Geflüchteten) sind demnach EU-Bürgerinnen und -Bürger, insgesamt etwa 40.000 Menschen. Viele dieser Menschen lebten ohne jede Unterkunft auf der Straße. Vor allem in den Metropolen betrage ihr Anteil an den Personen ohne jede Unterkunft auf der Straße bis zu 50 Prozent. Die "Straßenobdachlosigkeit" sei stark durch die EU-Binnenzuwanderung geprägt; dies treffe für die Wohnungslosigkeit insgesamt jedoch nicht zu.

Mangel an bezahlbarem Wohnraum befördert Wohnungslosigkeit

Die Mehrheit der Wohnungslosen lebte nach Angaben des BAG W in zentralen Gemeinschaftsunterkünften oder in dezentraler Unterbringung, ein Teil kam zudem in kommunalen und freigemeinnützigen Hilfesystemen unter. Die BAG W geht davon aus, dass die durchschnittliche Belastung der vorhandenen Kapazitäten der Beratungsdienste, Tagesaufenthalte, niedrigschwelligen Versorgungsangebote und der Unterbringungsangebote stark angestiegen ist. Eine entsprechend bessere finanzielle und personelle Ausstattung sei deshalb geboten.

Als Hauptgründe für die steigende Zahl der Wohnungslosen nannte BAG-W-Geschäftsführerin Rosenke das unzureichende Angebot an bezahlbarem Wohnraum und den schrumpfenden Bestand an Sozialwohnungen. "Es fehlt insbesondere an bezahlbarem Wohnraum für Menschen im Niedrigeinkommensbereich, für die Menschen, die Transferleistungen beziehen, und für anerkannte Geflüchtete." Die Wohnungslosenhilfe kritisierte, dass die Bundesmittel für den sozialen Wohnungsbau in 2020 und 2021 mit jeweils einer Milliarde Euro niedriger angesetzt sind als in den Vorjahren

Rosenke zufolge ist auch die sich manifestierende Armut und die drohende Altersarmut der Generation der Billigjobber, der Soloselbstständigen und anderer prekär beschäftigter Menschen besorgniserregend. "Wie sollen sich diese Menschen auf einem Wohnungsmarkt versorgen, auf dem es insbesondere an bezahlbaren Kleinwohnungen mangelt?", sagte sie.

"Alle sechs Minuten verschwindet eine Sozialwohnung"

Einen gravierenden Mangel an Sozialwohnungen in Deutschland sieht auch die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau). Mittlerweile sei bundesweit noch jede 36. Wohnung eine Sozialwohnung und damit nur 2,8 Prozent des gesamten Wohnungsbestands, teilte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft, Robert Feiger, mit. 

Im Schnitt seien allein in den vergangenen drei Jahren jeweils etwa 84.500 Sozialwohnungen pro Jahr aus der Sozialbindung gefallen – und damit aus der Verpflichtung von Eigentümern, diese Wohnungen vergünstigt zu vermieten. "Rein rechnerisch verschwinden damit pro Tag 232 Sozialwohnungen vom Markt, knapp zehn Wohnungen pro Stunde, alle sechs Minuten eine", kritisierte Feiger. 

Der Gewerkschafter sprach sich deshalb für ein Minimalziel von zwei Millionen Sozialwohnungen in Deutschland bis 2030 aus. Aktuell seien es nicht einmal 1,2 Millionen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten jährlich mindestens 80.000 Sozialwohnungen neu gebaut werden. Zusätzlich sei es erforderlich, "die Belegrechte von 75.000 bereits vorhandenen Wohnungen anzukaufen, um aus ihnen Sozialwohnungen zu machen".