Seine erste Begegnung mit dem Virus hatte Andreas Vogel beim Wandern in Russland. Der passionierte Hobbybergsteiger war gerade im Kaukasus unterwegs, im Urlaub. Da sah er, wie Männer Strohballen auf einer Fernverkehrstrasse ausrollten und Kanister mit Desinfektionsmittel darüber ausschütteten. Es war 2014, die Afrikanische Schweinepest (ASP) war in der Region schon einige Jahre zuvor ausgebrochen, das Desinfektionsmittel sollte ihre Verbreitung stoppen. "Wie ein Gemälde sah das aus", sagt Vogel. "Wirklich schön." Nur dass es auch helfen würde, erschien ihm zweifelhaft. "Wenn die das so machen", dachte er damals, "kommt das Virus irgendwann auch nach Deutschland."

Vogel ist Landwirt in der brandenburgischen Gemeinde Am Mellensee, 30 Kilometer südlich von Berlin. 3.700 Schweine hält er in zwei Ställen. Als Saalower Kräuterschweine vermarktet er seine Tiere, weil er ihnen außer Heu und Stroh immer auch Kräuter verfüttert; das sei "besser für die Gesundheit", sagt er.

Vogel hat, wie wohl die meisten Bauern, den Verlauf der Seuche weiter beobachtet. Aus gutem Grund. "Würde sie nach Deutschland kommen", sagt er, "wäre das eine schwere wirtschaftliche Bedrohung. Auch für mich."

Die Sorgen sind nicht unbegründet. Am 14. November wurde das Virus bei einem verendeten Wildschwein in der polnischen Woiwodschaft Lebus entdeckt, 80 Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Binnen weniger Tage stieg die Zahl der Meldungen auf über 20. Inzwischen gibt es einen weiteren Fall weiter östlich, nur noch 42 Kilometer von Deutschland entfernt.

Das Friedrich-Loeffler-Institut, das unter anderem Infektionskrankheiten bei Nutztieren untersucht, hält eine Ausbreitung auf Deutschland für sehr wahrscheinlich. Und schließt sich damit dem allgemeinen Tenor anderer Biologen und Veterinärmediziner an: Die Frage sei nicht mehr, ob das Virus Deutschland erreicht, heißt es. Die Frage sei nur noch, wann.

Eine wirtschaftliche Bedrohung

Für Menschen ist das Virus, gegen das es derzeit noch keinen Impfstoff gibt, ungefährlich, ebenso für andere Tierarten. Nicht jedoch für Schweine. Nach einer Inkubationszeit von 15 Tagen erleiden die Tiere in der Regel hohes Fieber, Schwäche, wollen weder fressen noch sich bewegen. Am Ende steht meist der Tod. 90 Prozent aller infizierten Tiere verenden, Wildschweine und Hausschweine gleichermaßen. Das macht das Virus zu einer wirtschaftlichen Bedrohung. Auch für Vogel.

Vogel ist ein besonnen wirkender Mann: 56 Jahre alt, ruhige Stimme, randlose Brille, blondes, leicht strubbelliges Haar, schwarzer Rolli. Es ist Montag, kurz nach zehn. Er sitzt in seinem weitläufigen Büro, vor sich eine Tasse Kaffee. Er ist allein im Gebäude. Seine zwei Mitarbeiter, mit denen er die Schweinemast betreibt, sind gerade in den Ställen unterwegs.

Vogel, der seinen Hof 1990 übernahm, will vieles anders machen als sonst in der Schweinemast üblich. Er verzichtet auf Antibiotika, bietet den Schweinen mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben. Für die Zukunft sei sogar der Umbau zu einem sogenannten Aktivstall geplant. Die Schweine wären dann nicht mehr zu neunt in engen Buchten, sondern zu über hundert in einem großen Raum untergebracht, könnten selbst entscheiden, in welchem Bereich sie sich aufhalten. Auch einen Außenbereich soll es dann geben. Ob das klappt, ist im Hinblick auf die Seuche derzeit noch unklar. "Ich bräuchte dann auf jeden Fall noch einen weiteren Zaun", sagt Vogel.