Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat der Justiz vorgeworfen, antisemitische Straftaten nicht ausreichend zu verfolgen. "Da sehe ich bei der Justiz ein ganz erhebliches Defizit", sagte Schuster dem Spiegel. Bei antisemitischen Straftaten scheine man mitunter "geradezu strafmildernde Gründe zu suchen". Das öffne dem "Antisemitismus Tür und Tor", warnte er.

"Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass auf dem rechten Auge bei der Justiz eine Sehschwäche vorliegt", sagte Schuster weiter. Insbesondere nach dem Anschlag von Halle werde in vielen Gemeinden diskutiert, ob man weiter als Jude in Deutschland leben könne. "Aber ich tue mich damit schwer, ein europäisches Land zu finden, in dem man sich als Jude sicherer fühlen kann als in Deutschland."

Schuster lobte das Engagement von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Sie setze sich "deutlich für jüdisches Leben ein". Als 2012 darüber diskutiert worden sei, religiöse Beschneidungen zu verbieten, habe Merkel das Beschneidungsgesetz vorangetrieben und damit dafür gesorgt, dass jüdisches Leben in Deutschland weiterhin uneingeschränkt möglich sei.

Irritiert äußerte sich der Zentralratspräsident über Juden, die sich der AfD anschließen, nur weil sich die Partei häufig gegen Muslime positioniere. "Es gilt zweierlei: Der Feind meines Feindes ist noch lange nicht mein Freund. Und ich lehne es ab, Muslime pauschal als Feinde von Juden zu sehen", sagte er.

Schuster wies darauf hin, dass Bildung am besten gegen Antisemitismus helfe. Dabei solle jedoch nicht nur der Holocaust im Mittelpunkt stehen, forderte er. Juden würden in Schulbüchern häufig reduziert auf die Opferrolle zwischen 1933 bis 1945. "Es wird vergessen, dass Juden seit 1.700 Jahren in Deutschland leben und zur deutschen Kultur gehören." Wichtig sei, "Werte zu vermitteln und Wissen über das Judentum".