Wenige Minuten vor neun Uhr biegt der Tross von Polizeitransportern in das Gewerbegebiet im Nordosten von Hamburg ein. Am Albert-Schweitzer-Ring 18 in Jenfeld bleiben die Fahrzeuge stehen, Dutzende Bereitschaftspolizisten marschieren in einer langen Reihe in das dortige Firmengebäude. Sechseinhalb Stunden später werden die Beamten aus diesem und dem Nachbargebäude Hunderte Kisten mit Beweismaterial in einen Lastwagen packen: Verträge, Abrechnungsunterlagen, kopierte E-Mail-Postfächer.

Es ist die größte Razzia, die in Hamburg je in einer Wirtschaftsstrafsache angeordnet wurde. 420 Polizisten schlagen am Dienstagmorgen gleichzeitig an 47 Orten zu. Arztpraxen werden durchsucht, fünf Apotheken, ein Krankenhaus, mehrere Firmensitze, Privathäuser, sogar Bankschließfächer werden geöffnet. Es geht um Bestechung. Im Mittelpunkt steht das Hamburger Unternehmen ZytoService. Der Marktführer bei der Herstellung von Infusionen für Krebstherapien soll in den vergangenen Jahren systematisch Ärzte bestochen haben. Eine Anfrage von ZEIT ONLINE zu den Vorwürfen beantwortete das Unternehmen nicht.

Es ist nicht der erste Verdacht von Korruption im Milliardenmarkt mit Krebsmitteln. Aber der Fall hat eine neue Dimension, weil es neben klassischer Bestechung um eine neue Methode geht: Statt Ärzte in geheimen Treffen Geld auf Nummernkonten im Ausland zu versprechen, werden die Mediziner ganz offen und auf den ersten Blick legal gekauft.

Mit dem Geld internationaler Investmentfonds hat ZytoService in den vergangenen Jahren in ganz Deutschland Onkologen ihre Praxen abgekauft und daraus Medizinische Versorgungszentren, kurz MVZ, gemacht. Eigentlich ist es verboten, dass Apotheker oder pharmazeutische Herstellbetriebe wie ZytoService sich an Arztpraxen beteiligen und damit die Nachfrage nach ihrem eigenen Produkt kontrollieren. Ärztliche Entscheidungen sollen sich am Wohl des Patienten ausrichten, nicht an finanziellen Interessen. Doch das Gesetz lässt ein Schlupfloch, das ZytoService sich für sein Geschäftsmodell zunutze gemacht haben soll.

Wer verstehen will, wie dieses Modell funktioniert, muss sich das komplizierte Geschäft mit dem Krebs anschauen. Monatelang haben ZEIT ONLINE und das NDR-Magazin Panorama zum Firmenkonstrukt von ZytoService recherchiert, mit skeptischen Ärzten und geprellten Apothekern gesprochen, finanzschwache Krankenhäuser besucht und Infusionen anschauen dürfen, die so viel kosten wie ein Mittelklasseauto. Den Anfang nimmt diese Geschichte vor mehr als 15 Jahren. Mit drei Apothekern, die mehr wollen.

Drei Apotheker erkennen das Geschäft mit dem Krebs

Im Jahr 2002 beschließen die drei Hamburger Apotheker Enno S., Thomas B. und Thomas H., damals alle um die 40 Jahre alt, enger zusammenzuarbeiten. Sie glauben, eine Marktlücke entdeckt zu haben. Die Herstellung von Infusionen zur Behandlung von Krebs könnte man, wie sie es nannten, professionalisieren. Statt in kleinen Laboren in der Apotheke sollen die Infusionen im quasi industriellen Maßstab im Großlabor produziert werden. Sie gründen die ZytoService GmbH, bekommen 2006 eine Zulassung als pharmazeutischer Hersteller und beginnen, im großen Stil auch für andere Apotheken zu produzieren.

Es ist eine zynische Erkenntnis für alle Kranken, aber das Geschäft mit dem Krebs ist gigantisch – bis heute ein Wachstumsmarkt. Knapp jeder zweite Deutsche erkrankt in seinem Leben irgendwann einmal an Krebs, haben Wissenschaftler des Robert Koch-Instituts in Berlin berechnet. 1,5 Millionen Krebskranke gibt es in Deutschland heute, jedes Jahr bekommt etwa eine halbe Million Menschen die Diagnose. Das sind fast doppelt so viele wie vor 40 Jahren. Und es werden noch mehr. Die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, steigt im Alter. Eine alternde Bevölkerung bekommt also häufiger Krebs.

Besonders viel Geld lässt sich mit den Infusionen gegen Krebs verdienen, dem Geschäftsfeld von ZytoService. Sieben Milliarden Euro geben die gesetzlichen Krankenkassen derzeit jedes Jahr für Krebsmedikamente aus – 3,8 Milliarden Euro davon bezahlen sie für Infusionen, die in speziellen Laboren für jeden Patienten individuell zubereitet werden.

Als die drei Hamburger Apotheker ZytoService Anfang des Jahrtausends gründen, liegt die Summe nicht einmal ein Drittel so hoch. In einem wachsenden Markt setzen sie damals auf Expansion – auch mithilfe von Investoren. 2008 beteiligt sich der Investmentfonds Capiton an ZytoService. Für 7,4 Millionen Euro wird in Hamburg ein großes Labor gebaut. Gleichzeitig beginnt das Unternehmen mit Lobbyarbeit. Mitinhaber Enno S. gründet den "Bundesverband der Rezeptur Herstellbetriebe", dessen Präsident er bis heute ist. Zwölf Mitglieder vertritt der Verband. Entsprechend skeptisch wird der Verband gesehen – vor allem von Apothekern.

Arzt und Apotheker – eine lukrative Verbindung

Der Markt für Krebsmedikamente ist speziell. Die individuell angefertigten Infusionen sind extrem teuer, für einen einzigen Patienten kosten sie oft mehrere Tausend, manchmal Zehntausende Euro. Im Gegensatz zu anderen Fachärzten müssen die Onkologen ihre Rezepte nicht an den Patienten aushändigen, sondern leiten sie direkt weiter an eine Apotheke mit einem speziellen Labor. Entsprechend lukrativ ist es für Apotheker, einen Arzt an sich zu binden.

Etwa 250 Apotheken mit solchen Speziallaboren gibt es heute in Deutschland, hinzu kommen jene Herstellbetriebe, die Enno S. als Lobbyist vertritt. Es gibt einen harten Konkurrenzkampf um Kunden, aber auch um politischen Einfluss und Gesetze. Enno S. wirbt für strengere Regeln, etwa bei Dokumentation und Sterilität, die Apotheker mit kleineren Laboren kaum einhalten können. Die Apotheker warnen dagegen, dass eine mehrere Hundert Kilometer lange Anfahrt aus einem Herstellbetrieb für die sehr empfindlichen und nicht lange haltbaren Infusionen zu weit sein könnte. Seit Jahren gibt es darüber eine Debatte, der Nachweis allerdings ist äußerst schwierig zu führen. 

Der kleine Verband der zwölf Hersteller verschafft sich viel Gehör. Enno S. tritt bei Anhörungen im Bundestag auf, schickt Stellungnahmen an Ministerien. Als 2014 ein Antikorruptionsgesetz verabschiedet werden soll, versorgt ZytoService über eine Anwaltskanzlei Bundestagsabgeordnete mit Argumenten gegen allzu scharfe Regelungen. Im Wahlkampf im August 2017 besucht der heutige Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Produktion von ZytoService in Jenfeld.

Das Unternehmen wächst in diesen Jahren rasant: Zwischen 2011 und 2017 hat sich der Absatz auf mehr als 400.000 Infusionen verdoppelt, der Umsatz auf etwa 240 Millionen Euro fast verdreifacht. 2016 steigt Capiton aus, der Investmentfonds IK Investment Partners übernimmt die Anteile. Es sind nun unter anderem Pensionsfonds von New Yorker Lehrern und öffentlichen Bediensteten in Manchester, die hoffen, dass ihr Geld bei ZytoService gemehrt wird.

In einem Newsletter an die Kunden schreibt der Fonds, man erwarte, dass der Marktanteil des neuen Investments in Hamburg "in den nächsten Jahren dramatisch steigen wird". Tatsächlich zeigt sich in den Geschäftsberichten von ZytoService, dass das Unternehmen enormes Potenzial hat. Die Produktion in Hamburg-Jenfeld war zuletzt bei Weitem nicht ausgelastet, zudem hat der Konzern drei weitere Standorte von einem Konkurrenten gekauft. ZytoService-Mitgründer Thomas B. wird im Newsletter an die Investoren zitiert: "Wir wollen den deutschen Onkologie-Markt wirklich verändern und mit IKs Unterstützung glauben wir, das zu können."