Nach Auseinandersetzungen zwischen Einsatzkräften und Demonstrierenden haben in Beirut erneut Tausende gegen die Regierung protestiert. "Wir werden nicht gehen. Nehmt einfach alle Protestierenden fest", riefen viele Demonstrantinnen und Demonstranten. Die Proteste waren weitgehend friedlich. Nach einigen Stunden vertrieben Einsatzkräfte die Demonstrierenden und setzten dabei Schlagstöcke, Tränengas und Wasserwerfer ein.

In der Nacht zum Sonntag waren mehr als 130 Menschen bei Protesten verletzt worden, wie das Rote Kreuz und der Zivilschutz mitteilten. Schwer verletzt wurde laut dem Roten Kreuz niemand. Sicherheitskräfte hätten nachts Schlagstöcke, Tränengas, Gummigeschosse und Wasserwerfer eingesetzt, um Demonstrantinnen im Zentrum der libanesischen Hauptstadt auseinanderzutreiben, teilten die Hilfsorganisationen mit. Demonstrierende warfen mit Steinen und riefen Parolen gegen die Regierung. Die Auseinandersetzungen dauerten bis zum Sonntagmorgen.

Stunden später zündeten Angreifer im Norden des Libanons Büros der Parteien des zurückgetretenen Regierungschefs Saad Hariri und des Außenministers Gebran Bassil an, wie die staatliche Nachrichtenagentur NNA meldete. Angreifer schlugen Fenster des Büros von Hariris Partei in der Stadt Charibet al-Dschundi ein und legten Feuer. Bassils Partei teilte mit, die Ausstattung ihres Büros in Dschedidat al-Dschuma sei ebenfalls zertrümmert und angezündet worden.

Innenministerin Raja al-Hassan sagte, nachts seien sowohl Demonstrierende als auch Sicherheitskräfte verletzt worden. Sie habe die Auseinandersetzungen mit Sorge, Trauer und Schock verfolgt. Sie ordnete eine Untersuchung an.

Saad Hariri soll möglicherweise erneut die Regierung übernehmen

Am Montag wollte Präsident Michel Aoun mit den Parteien über die Nominierung eines neuen Ministerpräsidenten sprechen. Politiker schienen Hariri erneut zum Regierungschef machen zu wollen. Er war wegen der Proteste am 29. Oktober zurückgetreten.

Seit Mitte Oktober haben Tausende Libanesinnen auf den Straßen ein Ende des derzeitigen politischen Systems gefordert, in dem die wichtigsten Positionen zwischen den Konfessionen aufgeteilt werden. Sie fordern, dass stattdessen eine Expertenregierung die Amtsgeschäfte übernimmt. Dieser Forderung schloss sich zuletzt auch Bassil an, dessen Partei Aoun verbunden ist. Die schiitische Hisbollah lehnt eine solche Regierung dagegen ab.

Al-Hassan machte "Eindringlinge" für die wachsenden Spannungen verantwortlich und rief die Demonstrierenden auf, sich vor Leuten in Acht zu nehmen, die sie für politische Zwecke ausnutzen wollten. Einzelheiten dazu nannte sie nicht und kündigte an, die nächtlichen Zusammenstöße untersuchen zu lassen.