Begegnungen im Kirchenkreis waren für Manfred Stolpe oft ein Vergnügen, etwa bei den Diakonissenschwestern in Berlin-Wilmersdorf oder beim Vortrag in der Kirche Spandau. Hier, unter Gleichgesinnten, fühlte sich der einstige Konsistorialpräsident geborgen. Hier liege seine geistige Heimat, hat er einmal über solche Treffen gesagt. Hier trat der eine Stolpe auf: ein Mann, der die Nähe sucht. Den die Diakonissen mögen. Der den Hausmeister mit Handschlag begrüßt.

Der andere Stolpe hat oft gelitten: unter dem politischen Druck, den Machtspielen und Intrigen, den Medien, unter dem Mautdebakel, den Stasivorwürfen. Zeitungen schrieben seinen Abgang herbei, als sich die Lkw-Straßenabgabe jahrelang verzögerte. Der Streit um seine Kontakte zur DDR-Geheimpolizei beschäftigte neben dem brandenburgischen Landtag auch eine Enquetekommission und das Bundesverfassungsgericht. Stolpe stand vor Problemen, die sein Lebenswerk zu vernichten drohten. Doch er widerstand.

In der Nacht zum Sonntag ist Manfred Stolpe im Alter von 83 Jahren gestorben. Mit kaum einem anderen Menschen ist der Umbruch in den östlichen Bundesländern so eng verbunden wie mit ihm. Stolpe verkörperte einen neuen, mit dem Mauerfall entstandenen Politikertyp. Nicht über die Jungsozialisten war der studierte Rechtswissenschaftler, 54-jährig, ins erste demokratisch gewählte Parlament Brandenburgs gekommen, sondern geschult durch die Arbeit in kirchlichen Gremien, ausgestattet mit der Verwaltungserfahrung eines Kirchenfunktionärs. 

Obwohl Sozialdemokrat, war Stolpe kein Parteienmensch im Sinne Willy Brandts oder Gerhard Schröders. Dem programmatischen Diskurs hat er sich zwar gestellt. Doch von seiner DNA her war Stolpe der Gegenentwurf zum westdeutschen Machtpolitiker. Er war immer auf der Suche nach dem Kompromiss, der alle Beteiligten mitnimmt. Heraus kam ein Politikstil, der den Menschen in Ostdeutschland entsprach, mit dem Stolpe aber nicht immer erfolgreich war. 

Er war kein Regimegegner

Das hatte auch mit seinem Wirken in der DDR-Kirchenleitung zu tun. Stolpe war kein Regimegegner, er suchte den kritischen Dialog mit der Staatsführung. Er war ein Vordenker der Kirchenpolitik, einer Kirche im Arbeiter- und Bauernstaat. Als Konsistorialpräsident warnte er vor der Wiedervereinigung, er konnte sogar dem Mauerbau positive Seiten abgewinnen – was insofern nicht verwunderte, da sich beide deutsche Staaten für lange Zeit mit der Teilung abgefunden hatten. Mit einem plötzlichen Mauerfall rechnete keiner. 

Nach der Wende trat er für einen moralisch sauberen, wirtschaftlich effektiven Sozialismus ein. Fast wäre er zum Interimspräsidenten der DDR gewählt worden. So war es für ihn selbstverständlich, 1990 als Ministerpräsident in Brandenburg mit allen Willigen den Neuanfang zu gestalten. Stolpe integrierte, statt auszutauschen. Man kann das für falsch halten. Doch Stolpe ging seinen Weg, den brandenburgischen Weg. 

In den Wendemonaten herrschte Aufbruchsstimmung. Minister und Abgeordnete suchten sich ihre Büros selbst. Die Neupolitiker aus dem Osten verdienten dabei nur die Hälfte im Vergleich zu den aus dem Westen rübergeschickten Kollegen. Absprachen erfolgten unkompliziert auf dem Flur – es ging vielen von ihnen nur um die Sache. Erst die erfahrenen Westbeamten brachten den Neulingen aus dem Osten bei, dass man Entscheidungen für andere nachvollziehbar protokolliert. Stolpe, als penibler Abarbeiter seiner Aufgaben bekannt, regierte bis zur Erschöpfung. 

Mehr als zehn Jahre war Manfred Stolpe Ministerpräsident von Brandenburg und wurde so zum Landesvater. 1994 errang seine SPD sogar die absolute Mehrheit – trotz seiner umstrittenen Kontakte zur DDR-Staatssicherheit. Er verankerte die SPD in Ostdeutschland. Er stärkte den Kampf gegen den hochkochenden Rechtsextremismus. Als gebürtiger Stettiner knüpfte er ein enges Band ins Nachbarland Polen, wo immer es ging. Mit ambitionierten Großvorhaben jedoch scheiterte seine Regierung: Die Chipfabrik von Frankfurt an der Oder produzierte nie Chips, der Lausitzring war jahrelang defizitär, der Cargolifter hob nie ab. Die Länderfusion mit Berlin scheiterte am Widerstand der Brandenburger.