Weihnachten geht es nach Hause. So will es die Tradition. Auch wenn einem davor graut. Vor dem Moment, wenn Onkel Willy die letzte Faser von der Gänsekeule genagt, die Bratensoße mit dem Kartoffelkloß aufgetupft hat und sich mit dem zweiten Aquavit in der Hand zurücklehnt: "Tja, Weihnachten wird es wohl auch nicht mehr lange geben, wenn das mit der Islamisierung so weitergeht." Es folgen: Betretenes Schweigen, die Schwester steht wutrot auf, der Vater schenkt schnell noch mal nach.

Und nun? Viel Aquavit und vergessen? Schnell vom letzten Urlaub erzählen? Nein, beides ist keine Option. So ätzend es ist, man darf die Onkel Willys, die es in zu vielen Familien gibt, nicht unwidersprochen schwadronieren lassen. Sondern muss einhaken, nachfragen. Wie er darauf eigentlich komme? Vielleicht gibt es noch Hoffnung, vielleicht ist er sogar froh zu erfahren, dass die Facebookposts, in denen behauptet wird, dass Schokoweihnachtsmänner nun in Jahresendfigur umbenannt werden, ein Fake sind. Vielleicht ist er erleichtert, dass das Abendland gar nicht in Gefahr ist.

Es kann allerdings sein, dass der Rest Ihrer Familie nicht begeistert einstimmt, sondern Sie als den Störenfried ansieht und nicht den rassistischen Onkel. Trotzdem muss es sein. Wichtiger als den Familienfrieden zu wahren, ist es, gegen ein menschenverachtendes Klima zu kämpfen. Stoppt ihn niemand, wird Onkel Willy jedes Jahr rassistischere Sprüche machen.

Gestört fühlte sich auch die CDU in Sachsen-Anhalt: Sie stellte ihren Koalitionspartner, die Grünen, als Randalierer in der vorweihnachtlichen Besinnlichkeit hin. Dabei ist es die CDU, die einen mutmaßlich Rechtsextremen in der Partei hat. Kreispolitiker Robert Möritz war 2011 als Ordner bei einer Neonazidemo eingesetzt und hat bis heute eine Kombination aus drei Hakenkreuzen tätowiert – das SS-Symbol der Schwarzen Sonne. Angeblich aus "aus Interesse an der keltischen Mythologie". (Die Schwarze Sonne war nie ein keltisches Symbol.) Sein Kreisverband bescheinigt Möritz, er habe sich glaubwürdig von seiner Vergangenheit distanziert. Die Grünen sollten sich vielmehr für ihren Beitrag "Wie viele Hakenkreuze haben Platz in der CDU?" entschuldigen, hieß es vom Landesgeneralsekretär, sonst sei die Fortsetzung der Kenia-Koalition gefährdet.

Selbst der CDU-Bundesvorstand schaffte es tagelang nicht, sich klar dazu zu äußern. Dabei wäre ein rasches und deutliches Signal von dort, dass Rechtsextreme in der Partei keinen Platz haben, dringend notwendig gewesen. Sonst werden es mehr.

Genau deshalb ist es auch wichtig, Onkel Willy zu widersprechen: Weil er sonst glaubt, gar nicht so falsch zu liegen. Nur still zu denken "Was für ein Idiot" und sich überlegen zu fühlen, hilft leider nicht. Wenn keiner etwas sagt und alle schnell anstoßen, scheint es für Onkel Willy, als gebe er nur wieder, was sowieso alle denken. Das wäre schlecht.

Wer dabei Hilfe braucht: Sie findet sich beispielsweise im Buch Anleitung zum Widerspruch von Franzi von Kempis (Mosaik). Sie liefert Fakten zu Verschwörungstheorien, Antisemitismus und anderen unangenehmen Themen, die am Weihnachtstisch aufkommen könnten, und erklärt, wie man Strohmann-Argumente erkennt.