Wer als früherer Stasi-Offizier in der ehemaligen DDR einen Doktortitel erworben hat, soll diesen nach dem Willen des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen mit dem Zusatz "Stasi" führen müssen. Da der akademische Titel wegen des Einigungsvertrages nicht aberkannt werden könne, sollten sie wenigstens zu dem Zusatz verpflichtet werden, sagte der Unterlagenbeauftragte Roland Jahn. "Doktor der Stasi – das wäre dann echte Transparenz."

Die Doktorarbeiten der Stasi-Offiziere seien Dokumente des Selbstverständnisses der DDR-Geheimpolizei gewesen. Erörtert worden sei darin zum Beispiel die Zersetzung des persönlichen Lebens von Andersdenkenden oder die Bekämpfung der politischen Opposition. "Das waren Anleitungen zur Verletzung der Menschenrechte", sagte der ehemalige DDR-Oppositionelle. Das sei nicht akzeptabel und müsse jetzt politisch angegangen und hinterfragt werden, sagte Jahn.

Bei seinem Vorschlag gehe es nicht darum, Menschen bis in alle Ewigkeit abzustempeln und zu verdammen. Wichtig sei vielmehr die Frage: Wie ist der Betroffene mit seiner Vergangenheit umgegangen? Seine Behörde stellt nun überlieferte Forschungsarbeiten von Hochschulabsolventen online, sagte Jahn.

Die meisten Titel wurden ihm zufolge zufolge an der geheimen Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) erworben, die nach außen als Juristische Hochschule Potsdam fungierte. Nach Angaben der Stasi-Unterlagen-Behörde wurden dort 174 Promotionsarbeiten von insgesamt 485 Autoren erstellt. Charakteristisch war demnach, dass der überwiegende Teil der Arbeiten nicht von Einzelautoren erstellt wurde. In einem Fall seien zehn Doktoranden beteiligt gewesen. Dass Arbeiten von mehreren Autoren geschrieben wurden, steht laut Behörde auch im Gegensatz zu heutigen Promotionsordnungen.

Die Hochschule sei als zentrale Bildungs- und Forschungsstätte des MfS ideologisch ausgerichtet gewesen. Neben dem Marxismus-Leninismus seien "politisch-operative Spezialdisziplinen" vermittelt worden, außerdem eine militärische Ausbildung und Sport. Zur Verschleierung des wahren Hintergrunds der Bildungseinrichtung wurde laut Unterlagenbehörde eine Prüfung im Fach "Bearbeitung operativer Vorgänge" etwa mit "System der Rechtspflege der DDR" umetikettiert. Die Absolventen hätten als "Diplom-Jurist" firmiert. Hierdurch hätten die hochrangigen MfS-Kader den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit ihres Handelns erhoben.