Riesiger Andrang, Dutzende Kameras, gestresste Türsteher: Auf der UN-Klimakonferenz in Madrid ist die Aktivistin Greta Thunberg mit großem Rummel empfangen worden. Die Schwedin nutzte die Aufmerksamkeit aber vor allem, um anderen Gehör zu verschaffen. So teilten sie und ihre prominente deutsche Mitstreiterin Luisa Neubauer die Bühne mit sechs jungen Menschen von den Marshallinseln, den Philippinen, aus Uganda und weiteren Ländern.

"Unsere Geschichten sind immer wieder erzählt worden", sagte die 16-jährige Thunberg. "Es gibt keine Notwendigkeit mehr, uns zuzuhören. Es sind Menschen vor allem aus dem globalen Süden, vor allem aus indigenen Gemeinden, die ihre Geschichten erzählen müssen." Ihnen wollten sie an diesem Tag ihre "Stimme leihen". Neubauer rief dazu auf, sich mit diesen "echten Geschichten" von Opfern des Klimawandels auseinanderzusetzen.

"Unsere Leben sind nicht verhandelbar"

Im Anschluss berichteten junge Aktivistinnen und Aktivisten von Überschwemmungen, Dürren, Überfischung und Krankheiten in ihren Heimatländern. "Wir bezahlen für etwas, das wir nicht verursacht haben – denn wir produzieren weniger als 0,00001 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen", sagte ein Umweltschützer von den Marshallinseln, einem der kleinsten Staaten der Erde. "Unsere Leben sind nicht verhandelbar", mahnte eine Aktivistin aus Chile. Eine weitere aus Uganda kritisierte, dass bei den reichen Industrieländern "kein oder sehr wenig Handeln" zu erkennen sei. Damit ließen sie Afrika und andere arme Weltregionen im Stich.

Tatsächlich dürften die Aktivisten mit den Fortschritten der Klimakonferenz bisher kaum zufrieden sein. Seit einer Woche ringen Fachleute aus knapp 200 Staaten um Regeln, nach denen Staaten beim Klimaschutz zusammenarbeiten sollen. Beobachter zeigten sich besorgt über die mangelnden Fortschritte – und setzen auf das Eingreifen der Minister, die in den kommenden Tagen die Verhandlungen führen sollen. Staatssekretär Jochen Flasbarth, der schon vor dem Eintreffen seiner Ressortchefin, Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD), das Terrain sondierte, warnte vor überzogenen Erwartungen. Viele rechneten damit, dass Staaten schon jetzt ehrgeizigere nationale Pläne zum Einsparen von Treibhausgasen vorlegten. "Das ist aber nicht wirklich auf der Agenda", sagte er. Der Zeitplan sehe vor, das erst zum nächsten Klimagipfel im nächsten Jahr in Glasgow zu machen.

Eingekaufte Zertifikate statt echtem Energiewandel?

Ziel der Konferenz ist unter anderem, letzte Lücken im Regelwerk zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens zu schließen, mit dem die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad begrenzt werden soll. Konkret geht es um Marktmechanismen, nach denen Länder beim Klimaschutz zusammenarbeiten können sollen. Geplant ist, dass ein Land, aber auch Städte oder Unternehmen sich Treibhausgas-Minderungen anrechnen können, die es in einem anderen Land finanzieren.

"Gerade dieses Thema muss absolut sorgfältig und wasserdicht ausverhandelt sein", sagte Flasbarth. Es dürften keine Schlupflöcher entstehen, sonst funktioniere der Markt für Klimaschutz nicht. Man wolle zwar diesmal zum Abschluss kommen, "aber nicht um jeden Preis".

Beobachter kommentierten die Verhandlungen besorgt. Es sei völlig unklar, ob die Länder sich einigten, sagte Klimaexpertin Ann-Kathrin Schneider vom BUND. Die Gefahr bestünde, dass Länder die Regeln nutzen könnten, um weniger Klimaschutz zu Hause zu machen. Auch Grünenklimapolitikerin Lisa Badum sah die Verhandlungen an einem "gefährlichen Punkt". Wenn sich China, Brasilien und andere mit ihren Vorstellungen durchsetztem, sei der globale Klimaschutz ernsthaft bedroht. "Sind die Regeln dort zu großzügig, entsteht ein großes Risiko, dass Staaten als Trittbrettfahrer ihre Klimaziele nur mit eingekauften Zertifikaten erreichen und weiter auf billige fossile Energien setzen."