Der frühere Papst Benedikt XVI. hat öffentlich an seinen Nachfolger Franziskus appelliert, das Eheverbot für Priester nicht zu lockern. Die Ehe erfordere, dass sich ein Mann völlig seiner Familie hingebe, schreibt Benedikt in einem gemeinsam mit dem konservativen Kardinal Robert Sarah verfassten Buch, aus dem die französische Zeitung Le Figaro Ausschnitte veröffentlichte. "Da wiederum der Dienst für den Herrn die völlige Hingabe eines Mannes erfordert, scheint es nicht möglich, diese zwei Berufungen gleichzeitig fortzuführen", heißt es dort. Daher sei die Fähigkeit der Absage an die Ehe ein Kriterium für den Priesterdienst.  

Das Buch von Benedikt und Sarah kommt zu einem heiklen Zeitpunkt: Franziskus will bald ein Dokument zur Frage vorlegen, ob das Priesteramt für verheiratete Männer geöffnet werden soll. Damit will der Papst auf das Ergebnis einer Bischofssynode zum Amazonasgebiet in Rom im Oktober 2019 reagieren. Eine Mehrheit der Teilnehmer sprach sich damals für die Priesterweihe verheirateter Männer aus, um den Mangel an Geistlichen zu lindern. Inzwischen hat sich die Personalkrise im Amazonasgebiet derart verschärft, dass Gläubige monatelang keine Messe feiern können.

Franziskus äußerte Mitgefühl mit den Gläubigen in der Region. Zwar gilt er seit Langem als Verfechter des Zölibats, sagte aber zugleich, dass es sich um eine Tradition handele, keine Doktrin. Daher könne sie sich ändern. Zudem hat der Papst gesagt, dass es pastorale Gründe geben könne, die an einem bestimmten Ort Ausnahmen zulassen könnten.

Benedikt war im Jahr 2013 als Oberhaupt der katholischen Kirche zurückgetreten. Er war der erste Papst seit dem Mittelalter, der zurücktrat. Dass er sich nun zu einem von seinem Nachfolger aktuell erwogenen Thema öffentlich äußert, werteten Beobachter als ungewöhnlich.

"Das Priesteramt ist in einer Krise"

In einem gemeinsam mit Sarah verfassten Schlussteil des Werks warnt er die Bischöfe, Priester und Laien davor, sich von "irregeleiteten Einwänden, theatralischem Gehabe, diabolischen Lügen und im Trend liegenden Fehlern" einschüchtern zu lassen, deren Ziel es sei, den "priesterlichen Zölibat niederzumachen". Zugleich sehen der deutsche Ex-Papst und der aus Guinea stammende Sarah das Priesteramt in einer Krise. Es sei "durch die Enthüllung so vieler Skandale verwundet". Geistliche selbst seien "durch das anhaltende Infragestellen ihres geheiligten Zölibats" verwirrt.

Zu kirchenpolitischen Debatten hat Benedikt seit seinem Rücktritt weitgehend geschwiegen. Eine Ausnahme bildete ein umstrittener Aufsatz im vergangenen Jahr, in dem er den massiven sexuellen Missbrauch durch katholische Geistliche auf die sexuelle Revolution der Sechzigerjahre zurückführte. Dass sich Benedikt nun in die heikle Zölibatsdebatte einschaltet, könnte als öffentlicher Versuch der Einflussnahme auf Franziskus verstanden werden.