In Leipzig brauchte es drei Tage, bis aus einem Angriff einer Gruppe von Gewalttätern in der Silvesternacht auf Polizisten ein Desaster der Krisenkommunikation geworden war. Am 3. Januar musste die Polizei eingestehen, dass ein verletzter Beamter nicht wie behauptet notoperiert worden war (und damit auch nicht, wie insinuiert, in Lebensgefahr geschwebt hatte, was einige Medien zu Zeilen wie "Chaoten wollten Polizisten töten" getrieben hatte). Und nun, eine Woche später, zeigt ein Video, das ZEIT ONLINE exklusiv vorliegt, dass auch die Darstellung der Polizei, einem Beamten sei der Helm vom Kopf gerissen worden, nicht haltbar ist. Auch ist zu sehen, dass es wohl keinen orchestrierten Angriff einer großen Gruppe auf die Polizisten gab. 

Es mag nach Detailfragen klingen, doch der Leipziger Fall verweist auf ein bundesweites Problem von Polizeibehörden. In Berlin dauerte es im Sommer 2017 sogar nur einen Tag, dann hatte sich die "Lebensgefahr für unsere Kolleg." als Falschmeldung entpuppt. Die Polizei musste richtigstellen: Der Türknauf, den die Polizisten während eines Einsatzes in einem besetzten Haus in der Friedelstraße fotografiert hatten, war keineswegs "unter Strom" gesetzt worden. Das aber hatten die Beamten auf dem offiziellen Twitter-Account behauptet – und entsprechend großes Entsetzen in der Öffentlichkeit hervorgerufen.

Ganz ähnlich behauptete die Aachener Polizei 2018 während der Räumung des Hambacher Forsts, sie sei auf "Fallen" gestoßen: Sie twitterte Fotos eines mit Beton gefüllten Kübels im Wald, der "mittels einer Drahtseilkonstruktion" in die Höhe gezogen worden sei. "Beim Auslösen der Falle, fällt der Eimer in die Tiefe. Es besteht Lebensgefahr für alle", hieß es. Tags darauf korrigierte sich die Pressestelle nach zahlreichen Hinweisen darauf, dass der Eimer wohl eine Verankerung für ein Kletterseil gewesen sei, und sprach nur noch von der Möglichkeit, der Eimer hätte hochgezogen werden können. Aus der Lebensgefahr war reines Kopfkino geworden.

Doch eine Polizei, die öffentlich vor sich hin spekuliert oder sogar Lügen verbreitet, ist aus zwei Gründen eine Katastrophe.

Sie macht sich zunächst einmal unglaubwürdig. Wenn die Polizei – vielleicht als Gegengewicht zur Echtzeitkritik in sozialen Netzwerken – dazu übergeht, ihre eigenen Meldungen nicht gründlich zu prüfen – wer sollte sich dann darauf verlassen oder ihnen auch nur besonderen Wert beimessen? Für uns Medien ist es höchste Zeit (und auch absolut richtig) sich auf Polizeimeldungen nicht mehr als "privilegierte Quelle" zu verlassen, deren Informationen ungeprüft verwendet werden können. Das ist erst mal unproblematisch.

Doch es verändert auch die Wahrnehmung der Polizei in der Öffentlichkeit. So verkommt die offizielle Darstellung der Behörde zu nur mehr einer von vielen Versionen von Augenzeugen, Aktivistinnen und Hetzern, die behaupten: So oder so ähnlich könnte es gewesen sein. Eine weitere Stimme, die ihre Version ins Netz raunt. Das schadet dem Ansehen der Behörde als Ganzes und vor allem all jenen Beamtinnen und Beamten, die auf der Straße ihren Job machen sollen.

Die Polizei stellt sich selbst eine Falle

Und zweitens stellt sich die Polizei mit solchen Falschmeldungen selbst eine Falle. Viele unterstellten den Polizeipressestellen, die Öffentlichkeit bewusst täuschen zu wollen. Dafür gibt es im Fall von Connewitz bisher keinen Beleg. Doch selbst wenn die Beamten nur glaubten, hektisch reagieren zu müssen, und deshalb ungeprüfte Meldungen verbreiteten, geht diese überstürzte Reaktion nun nach hinten los.

Denn nach der anfänglichen Skandalisierung der Gewalt bleibt der Eindruck hängen, so schlimm sei es ja nicht gewesen. Die Polizei übertreibe eben gern. Dabei ist auf dem Video der Silvesternacht durchaus zu sehen, dass dort Leute Polizisten bewerfen und einen am Boden Liegenden treten. Doch die Aufmerksamkeit für die Frage, was eigentlich in einem Stadtteil los ist, in dem Polizei und Bewohner mit Ansage so eskalieren, verpufft.

Bundesinnenminister Horst Seehofer sagte am 2. Januar, ein starker Staat sei nur mit starken Polizei- und Einsatzkräften möglich. Er forderte, "geschlossen hinter unseren Polizeibeamten" zu stehen, die sich "jeden Tag aufs Neue für unsere Sicherheit einsetzen". Mit jeder Falschmeldung der Polizei wird das ein wenig unwahrscheinlicher.

In einer ersten Version hieß es, der Türknauf, den die Polizisten während eines Einsatzes in einem besetzten Haus fotografierten, sei in der Rigaer Straße gewesen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.