So wie die USA und Kanada sind auch mehrere EU-Länder davon überzeugt, dass der Absturz einer ukrainischen Passagiermaschine bei Teheran eng mit dem kriegerischen Konflikt zwischen den USA und dem Iran zusammenhängt. Bei einem Krisentreffen in Brüssel wegen der jüngsten Spannungen im Nahen Osten teilten die Außenminister einiger EU-Staaten mit, sie gingen von einem versehentlichen Raketenbeschuss des Flugzeugs aus.

Bundesaußenminister Heiko Maas sagte, man müsse derzeit davon ausgehen, dass der Absturz "möglicherweise" vom irrtümlichen Abschuss einer Flugabwehrrakete verursacht wurde. Diese Annahme sei "plausibel", sagte auch der niederländische Ressortchef Stef Blok. Maas forderte wie mehrere seiner Amtskollegen eine lückenlose Aufklärung: "Es darf nichts unter den Tisch gekehrt werden, denn wenn das der Fall wäre, wäre das der Nährboden für neues Misstrauen."

"Diese kriegerische Nervosität muss aufhören"

Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn erklärte den "Unfall" eines Raketenbeschusses mit der "kriegerischen Nervosität" in der Region. "Es sind mutwillig 176 Leben vernichtet worden", sagte er vor dem Krisentreffen mit seinen Amtskollegen. "Diese kriegerische Nervosität muss aufhören." Auch Asselborns niederländischer Amtskollege Stef Blok stützt die These eines Beschusses als Ursache für den Flugzeugabsturz: "Es ist tatsächlich sehr wahrscheinlich, dass die Maschine von iranischen Raketen abgeschossen wurde", sagte er.

Das Flugzeug der Ukraine International Airlines mit 176 Menschen an Bord war am Mittwoch kurz nach dem Start in Teheran abgestürzt. Niemand der 176 Menschen an Bord überlebte. Unmittelbar zuvor hatte der Iran mehrere Ziele im Irak bombardiert – als Racheakt für die Tötung des ranghohen iranischen Generals Kassem Soleimani durch einen gezielten US-Luftschlag in Bagdad. Eine weitere direkte Eskalation will die US-Regierung vermeiden, verhängte aber neue Wirtschaftssanktionen gegen den Iran. Davon betroffen sind die Stahlindustrie des Landes sowie führende Vertreter des Regimes.

"Raketenbeschuss wissenschaftlich nicht haltbar"

Verkündet wurden die neuen Strafmaßnahmen von US-Außenminister Mike Pompeo, der sich auch zu einem möglichen Abschuss der ukrainischen Passagiermaschine durch den Iran äußerte. "Wir glauben, dass es wahrscheinlich ist, dass dieses Flugzeug durch eine iranische Rakete abgeschossen wurde", sagte er, betonte aber zugleich, man müsse die Untersuchung abwarten. Zuvor hatte Kanadas Regierungschef Justin Trudeau auf verschiedene Geheimdienstquellen verwiesen, die auf eine iranische Boden-Luft-Rakete hindeuteten. Ähnlich äußerten sich der britische Premier Boris Johnson und dessen australischer Kollege Scott Morrison.

Der Chef der iranischen Flugaufsicht, Ali Abedsadeh, wies diese Darstellungen zurück. "Eine Sache ist sicher: Dieses Flugzeug ist nicht von einer Rakete getroffen worden", sagte er. "Wir bestätigen, dass das Flugzeug 60 bis 70 Sekunden lang gebrannt hat", fügte er hinzu – aber zu sagen, "dass es von etwas anderem getroffen wurde, ist wissenschaftlich nicht haltbar". Ein von einer Rakete getroffenes Flugzeug hätte nicht so lange weiterfliegen können. Auch hätten die Trümmer nach einem Abschuss weit verstreut zu Boden fallen müssen, was nicht der Fall gewesen sei.

Iran - Außenminister Maas hält Kriegsgefahr für gebannt Der Irak dürfe nicht zum Schauplatz eines Krieges zwischen den USA und dem Iran werden, sagte Außenminister Maas. Die EU müsse weiter zur Deeskalation beitragen. © Foto: Reuters TV

Experten aus USA, Kanada und Frankreich ermitteln mit

Abedsadeh forderte die USA und Kanada auf, ihre Informationen an die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO zu übergeben. Derweil erhielt die Ukraine nach eigenen Angaben von den USA wichtige Daten zum Absturz der Passagiermaschine. Außenminister Wadym Prystaiko schreibt auf Twitter – ohne Details zu nennen –, er selbst und Präsident Wolodymyr Selenskyj hätten die Informationen von US-Vertretern bekommen. Die Daten würden nun von Experten ausgewertet.

Dazu zählen nun auch Vertreter der USA, Kanadas und Frankreichs. Nach Angaben der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur Irna werden sie sich an den Ermittlungen beteiligen. Die Experten würden nach Teheran reisen und an den Beratungen teilnehmen. Demnach sollen auch die Flugschreiber der abgestürzten Maschine noch an diesem Freitag geöffnet werden.