Flugzeugabsturz im Iran - Kanada vermutet versehentlichen Abschuss der Boeing im Iran Die kanadische Regierung vermutet einen Abschuss des ukrainischen Flugzeuges im Iran. Demnach soll eine iranische Boden-Luft-Rakete die Boeing 737 getroffen haben. © Foto: Reuters/Blair Gable

Am Mittwoch ist ein Flugzeug kurz nach dem Start in der Nähe des Flughafens von Teheran abgestürzt. Ziel des Fluges war die Ukraine. Alle Menschen an Bord starben. Was war die Ursache? US-Regierungsmitarbeiter halten es inzwischen für wahrscheinlich, dass das Flugzeug versehentlich abgeschossen worden ist. Der Iran bestreitet das. Die Ukraine will einen Raketenangriff oder einen Terroranschlag nicht ausschließen. Doch dafür gibt es bislang keine Belege. Die wichtigsten Antworten zum Unglück:

Was ist passiert?

Kurz nach dem Start ist eine Boeing 737-800 der Ukraine International Airlines (UIA) am 8. Januar 2020 in der Nähe des Imam-Chomeini-Flughafens der iranischen Hauptstadt Teheran abgestürzt. Flug PS752, der auf dem Weg von Teheran nach Kiew war, hob um 6.12 Uhr Ortszeit von der Startbahn ab. An Bord befanden sich 167 Passagiere und neun Besatzungsmitglieder. Die Maschine stieg bis auf eine Höhe von 2.400 Metern, dann stürzte sie ab. Niemand überlebte.

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Was weiß man über die Unglücksursache?

Bislang ist die Ursache des Flugzeugabsturzes unklar. Iranische Behörden vermuteten zunächst ein technisches Versagen. US-Regierungsmitarbeiter halten übereinstimmenden Medienberichten zufolge hingegen einen versehentlichen Abschuss des ukrainischen Passagierflugzeugs für wahrscheinlich. Die Sender CNBC und CNN berichteten unter Berufung auf namentlich nicht genannte Regierungsvertreter, das Flugzeug könnte irrtümlich vom iranischen Luftabwehrsystem abgeschossen worden sein. Darauf würden Satelliten- und Radardaten hinweisen. Das Magazin Newsweek berichtete unter Berufung auf zwei Pentagonmitarbeiter, dass das iranische Luftabwehrsystem noch aktiv gewesen sein könnte, nachdem in der Nacht zum Mittwoch vom Iran aus Raketen auf von US-Soldaten genutzte Militärstützpunkte im Irak abgefeuert worden waren. Auch die kanadische Regierung geht von einem Abschuss durch den Iran aus. "Wir haben Geheimdienstinformationen von mehreren Quellen von unseren Alliierten und eigene Informationen. Diese Informationen deuten darauf hin, dass das Flugzeug von einer iranischen Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde", sagte Ministerpräsident Justin Trudeau in einer TV-Ansprache.

Die zivile Luftfahrtbehörde des Iran wies die Berichte umgehend zurück und forderte die USA und Kanada auf, ihre Informationen an die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO zu übergeben. In einem vorläufigen Untersuchungsbericht der Behörde heißt es, dass ein plötzlicher Notfall den Absturz verursacht habe. Demnach soll das Flugzeug unmittelbar vor dem Absturz gebrannt haben. Als Beleg werden Aussagen von Augenzeugen genannt. Sie sollen das Feuer vom Boden beobachtet haben. Weitere Augenzeugen sagten, sie hätten den Brand aus einem anderen Flugzeug heraus gesehen.  

In dem Bericht heißt es auch, dass die Maschine vor dem Absturz ein technisches Problem hatte, aber die Besatzung keinen Hilferuf per Funk abgesetzt habe. Sie habe versucht, das Flugzeug zurück zum Flughafen zu bringen. Der Flugschreiber und der Voicerecorder, der Gespräche im Cockpit aufzeichnet, seien im Besitz der Ermittler und sollen ausgewertet werden. Beide Geräte seien jedoch beschädigt.

Luftfahrtexperte Cord Schellenberg plädierte dafür, die vorläufigen iranischen Ergebnisse mit Skepsis zu betrachten. "Die Erfahrung lehrt, dass vorschnelle Einschätzungen oft danebenliegen", sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Er rief dazu auf, die ersten offiziellen Untersuchungsergebnisse abzuwarten, die laut internationalen Vereinbarungen in 30 Tagen vorliegen müssten. 

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Wie reagierte die Ukraine?

Präsident Wolodymyr Selenskyj teilte mit, sein Land wolle die Wahrheit herausfinden. "Wenn Sie Beweise haben, die der Ermittlung helfen können, geben Sie sie an uns weiter", forderte er die internationalen Partner der Ukraine auf. Selenskyj warnte zudem vor Spekulationen über die Absturzursache. Ungeprüfte Informationen sollten nicht weitergegeben werden, sagte er. Die ukrainische Staatsanwaltschaft hat auf Anweisung des Präsidenten eigene Ermittlungen eingeleitet. Zudem sollten Spezialisten aus Kiew nach Angaben Selenskyis zur Absturzstelle fliegen, um dort bei der Suche und der Identifizierung der Passagiere zu helfen. "Sie werden auch hinzugezogen, um die Leichen der Ukrainer zu überführen", sagte das Staatsoberhaupt. 

Die Ukraine schließt einen Raketenangriff oder einen Terroranschlag als Ursache für den Absturz nicht aus. Alexej Danilow vom ukrainischen Sicherheitsrat schrieb auf Facebook, es sei möglich, dass die Maschine von einer Rakete des russischen Typs Tor getroffen worden sei. Deshalb seien Experten an der Untersuchung beteiligt, die bereits 2014 beim Abschuss des malaysischen Fluges MH17 durch eine Flugabwehrrakete über der Ostukraine ermittelt hätten. Geprüft werden auch ein Zusammenstoß mit einem Flugobjekt wie etwa einer Drohne, ein Triebwerksschaden und ein Terroranschlag.

Flugzeugunglück - Präsident Selenskyj warnt vor Spekulationen Nach dem Flugzeugabsturz im Iran kündigte der ukrainische Präsident Selenskyj einen Vorbericht der Ermittlungseinheit an. 45 Spezialisten untersuchten den Fall vor Ort. © Foto: Reuters TV

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Welche Reaktionen gibt es aus dem Iran?

Kurz nach dem Absturz hatten die iranischen Behörden von einem technischen Defekt gesprochen, ohne jedoch zu sagen, worauf sie ihre Einschätzung stützten. Die US-Darstellung, dass eine Rakete die Passagiermaschine getroffen haben könnte, wies der Chef der zivilen Luftfahrtbehörde des Iran, Ali Abedsadeh, laut der Nachrichtenagentur Isna als "unlogisches Gerücht" zurück. Das sei wissenschaftlich gesehen unmöglich. Er äußerte sich zudem skeptisch zu im Internet veröffentlichten Videos, die zeigen sollen, wie das Flugzeug von einer Rakete getroffen wird. Die Echtheit der Aufnahmen könne nicht verifiziert werden, sagte Abedsadeh.

Am Tag nach dem Unglück wies auch Verkehrs- und Transportminister Mohammed Eslami Spekulationen über einen "verdächtigen" Absturz und Gerüchte über einen Abschuss der Boeing 737 als falsch zurück. "Wegen eines technischen Defekts hat die Maschine Feuer gefangen und dies führte zum Absturz", sagte er Isna. Irans Präsident Hassan Ruhani hatte örtlichen Medienberichten zufolge vom Verkehrsministerium und der Luftfahrtbehörde eine lückenlose Aufklärung gefordert. 

In den Ermittlungen wollen die iranischen Behörden mit der Ukraine zusammenarbeiten. So kündigte die Luftfahrtbehörde an, die beiden Blackboxen der Maschine nach einer gründlichen Untersuchung an die Ukraine zu übergeben. Zudem lud der Iran internationale Experten ein, die die Unglücksursache mit aufklären sollen. Abedsadeh, sprach im iranischen Fernsehen davon, dass auch Boeing-Fachleute aus den USA, Kanada und Frankreich beteiligt werden sollten. Die US-Luftfahrtbehörde NTSB kündigte an, die Einladung anzunehmen.

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Was wissen wir über das Flugzeug?

Es handelt sich um einen Mittelstreckenjet, der von Airlines weltweit eingesetzt wird: eine Boeing 737-800 der ukrainischen Fluggesellschaft Ukraine International Airlines (UIA). Jan-Arwed Richter vom Hamburger JACDEC-Flugsicherheitsbüro sagte, die verunglückte Maschine sei 2016 ausgeliefert worden. Sie sei also noch recht neu gewesen und habe keine anderen Vorbesitzer gehabt.

Alexander Schafijew, der Technische Direktor der UIA, gab an, die Maschine sei zuletzt am 6. Januar überprüft worden. Dabei seien keinerlei Mängel festgestellt worden. "Es war eines unserer besten Flugzeuge, mit einer ausgezeichneten zuverlässigen Mannschaft", sagte der Präsident des Unternehmens, Jewgeni Dychne. Luftfahrtexperte Schellenberg stimmte dem zu. Die Maschine müsse in einem korrekten Grundzustand gewesen sein. "Sie war kurz zuvor in Paris, Mailand und London. Die technischen Vorschriften für einen Eintritt in den EU-Luftraum sind streng", sagte Schellenberg.

Und: Das Flugzeug verfügte über zwei Triebwerke, sodass es selbst bei einem Triebwerksbrand sicher hätte landen müssen, sagen Experten.

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Was ist über die Opfer bekannt?

Bei dem Absturz starben laut iranischen Behörden alle 176 Menschen an Bord. Sie kamen aus unterschiedlichen Ländern: 82 seien Iraner gewesen, 63 stammten aus Kanada. Unter den Opfern sollen auch Briten, Schweden, Ukrainer und Afghanen sein. Die Fluggesellschaft veröffentlichte im Internet eine Namensliste aller Passagiere. Der ukrainische Außenminister sagte, dass sich auch drei Deutsche unter den Toten befänden. Das Auswärtige Amt erklärte zunächst, es habe "derzeit keine entsprechenden Erkenntnisse". Mittlerweile ist bekannt, dass vier der Toten in Deutschland lebten: eine Doktorandin aus Mainz und eine anerkannte Asylbewerberin aus Nordrhein-Westfalen mit ihren beiden Kindern.

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Was sind die Folgen für den internationalen Flugverkehr?

Weltweit wollen mehrere Fluggesellschaften den iranischen Luftraum aus Sicherheitsgründen umfliegen – es ist ihnen wegen des Konflikts zwischen den USA und dem Iran einfach zu gefährlich. In der Nacht zum Freitag ließ die Lufthansa eine Maschine, die schon auf dem Weg von Frankfurt am Main nach Teheran war, vorsorglich wieder umkehren. Auch ein für diesen Freitag geplanter Lufthansa-Flug in die iranische Hauptstadt und zurück finde aus Sicherheitsgründen nicht statt. Erst wenn weitere Einzelheiten bekannt seien, wolle sie entscheiden, ob und wann sie die Strecke wieder freigebe, sagte die Lufthansa. Die US-Luftfahrtbehörde FAA hatte zivilen Fluggesellschaften aus ihrer Heimat bereits vor dem Unglück untersagt, überhaupt noch über den Irak, den Iran, den Persischen Golf und den Golf von Oman zu fliegen. Sie begründete das Verbot mit der erhöhten militärischen Aktivität und wachsenden politischen Spannungen.

Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa, Reuters, AFP und AP

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