Hinweis der Redaktion: Wir haben nachträglich eine Frage (und die dazugehörige Antwort) aus diesem Interview entfernt, für die wir zu Recht kritisiert worden sind. Sie war nicht Bestandteil des ursprünglichen Interviews, der Autor hat sie auf Wunsch der Redaktion Herrn Diaby nachträglich gestellt und zusammen mit seiner Antwort zum Interview hinzugefügt. Leider haben wir nicht erkannt, wie missverständlich sie an dieser Stelle ist und bitten um Entschuldigung.

Am Mittwoch waren an einer Scheibe des Bürgerbüros von Karamba Diaby im sachsen-anhaltischen Halle an der Saale mehrere Einschusslöcher festgestellt worden. Es ist nicht das erste Mal, dass der SPD-Abgeordnete bedroht wird. Im Bundestag erfuhr er große Solidarität, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte den Angriff. Im Interview spricht Diaby über die Wurzeln des Hasses.

ZEIT ONLINE: Herr Diaby, Mitarbeiter Ihres Bürgerbüros in Halle informierten Sie am Mittwochmorgen, dass in der Glasscheibe Ihres Büros fünf Einschusslöcher gefunden wurden. Gibt es ein Bekennerschreiben oder sonstige Anhaltspunkte?

Karamba Diaby: Nein, überhaupt nicht. Keinen Verdacht, keine Anhaltspunkte. Es gab keine Aktivitäten, die darauf hindeuteten, dass so etwas passieren könnte. Das Ganze passierte ohne Warnung.

ZEIT ONLINE: Ihr Büro wurde 2015 schon einmal angegriffen, und Sie wurden auch an anderer Stelle bereits mehrfach bedroht. Und auch andere Politiker sind betroffen: Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Angriffe auf politische Mandatsträger in Deutschland deutlich erhöht. Wie erklären Sie sich diese Eskalation?

Diaby: Seit zwei Jahren beobachten wir, dass die Aggressivität in dieser Hinsicht zunimmt, besonders in den sozialen Medien. Menschen versuchen, andere Menschen einzuschüchtern. Und nicht nur im Netz, wir beobachten das auch in der Politik, auf Bundes- und auf Landesebene. In den Debatten werden Abneigungen deutlicher zum Ausdruck gebracht als früher, etwa gegen Minderheiten. Und das kann dann dazu führen, dass der ein oder andere Mensch, der vielleicht isoliert lebt und Zugang zu Waffen hat, zur Tat schreitet. Ich finde, jeder Politiker muss sich selbst Gedanken machen, inwiefern er zu dieser Eskalation beiträgt.

ZEIT ONLINE: Was wissen Sie über die Menschen, von denen Sie bedroht werden?

Diaby: Letztlich nichts. Ich wurde bisher auch nicht im realen Leben bedroht, sondern vor allem in den sozialen Medien. Es gibt einfach Menschen, die verstehen nicht, dass das Internet zwar ein freier Raum ist, aber kein rechtsfreier Raum. Das ist bei einigen noch nicht angekommen.

ZEIT ONLINE: Wolfgang Schäuble fordert eine Klarnamenpflicht bei Meinungsäußerungen im Netz, um dem entgegenzuwirken. Der richtige Ansatz?

Diaby: Ich finde ja. Unser Ziel muss es sein, zu einer anständigen Debattenkultur zurückzukehren. Dabei muss es doch im Interesse jedes Demokraten sein, dass es einen offenen Austausch gibt, dass sich Menschen offen und ehrlich äußern. Kein Demokrat muss sich hinter einem Pseudonym verstecken.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich diesen Hass? Steckt wirklich Unzufriedenheit mit dem Leben dahinter, mit maroden Schulen etwa, Arbeitslosigkeit oder fehlenden Perspektiven – oder ist es einfach blanker Rassismus?

Diaby: Meiner Meinung nach ist es oft eine Mischung aus beidem. Eine materielle Unzufriedenheit allein kann es aber nicht sein. Dann wären ja alle Menschen, denen es materiell schlecht geht, Rassisten. Das ist nicht der Fall. Es gibt keinen zwingenden Zusammenhang zwischen materieller Unzufriedenheit und einer radikalen Haltung.

ZEIT ONLINE: Sie wurden 1961 im Senegal geboren, kamen 1986 zum Studium nach Halle, sind seit 2013 Mitglied des Bundestages. In dieser Funktion reisen Sie viel zwischen Berlin und Halle hin und her. Ist der Rassismus im Osten Deutschlands Ihrer Meinung nach stärker ausgeprägt als etwa in der Hauptstadt oder im Westen Deutschlands?

Diaby: Rassismus gibt es überall, das ist kein ostdeutsches und auch kein deutsches Phänomen. Es gibt überall in Deutschland Teile der Gesellschaft, die nicht verstehen, dass das Leben in Deutschland vielfältig ist und dieses Land in den vergangenen 70 Jahren enorm von Zuwanderung profitiert hat. Was aber stimmt: Es gibt mehr rechtsradikale Auftritte im Osten, mehr Übergriffe.

ZEIT ONLINE: Und wie erklären Sie sich das? Häufig wird es darauf zurückgeführt, dass viele Ostdeutsche kaum Kontakte zu Menschen aus anderen Nationen hatten.

Diaby: Das ist schwierig, es gibt nicht die eine Erklärung. Es gibt ja auch Unterschiede zwischen ländlichen Gebieten und Großstädten. Aber es stimmt natürlich: Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund ist im Osten geringer, das heißt, es gab dort auch weniger Kontakte. Aber auch im Osten gibt es regionale Unterschiede. Ich warne davor, ganz Ostdeutschland über einen Kamm zu scheren. Wichtig ist, dass die politische Bildung in Deutschland mehr Gewicht bekommt. Man muss mehr in Schulen, Jugendeinrichtungen und Begegnungsstätten investieren, dort müssen die Grundlagen der Demokratie vermittelt werden. Das ist in einigen Teilen Deutschlands auf der Strecke geblieben. Politische Bildung ist eine Daueraufgabe, und sie muss dauerhaft gefördert werden.

ZEIT ONLINE: Nach dem Mord an Walter Lübcke und den Attentaten auf die (Ober)-Bürgermeister Henriette Reker und Andreas Hollstein fordert CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer nun staatlichen Schutz für Kommunalpolitiker. Der Bürgermeister des nordrheinwestfälischen Kamp-Lintfort, Christoph Landscheidt, erhält inzwischen Personenschutz. Brauchen alle Politiker, sei es auf Kommunal- oder auf Bundesebene, solche Maßnahmen?

Diaby: Ich finde das schwierig. Man kann nicht flächendeckend alle Menschen, die sich politisch engagieren, schützen. Wir Politiker haben einen direkten Kontakt zu den Bürgern und wollen den auch weiterhin pflegen.

Nehmen Sie unser Bürgerbüro: Es liegt mitten in der Innenstadt, der Zugang ist barrierefrei. Wir wollen damit signalisieren: "Wir sind für jeden da." Wenn man anfängt darüber nachzudenken, wie man sich besser gegen Bürger schützen kann, dann läuft etwas falsch. Die Lösung muss mehr Dialog sein. Die gesamte Gesellschaft sollte sich darüber austauschen, in was für einem Land sie leben will.

Was man dabei nicht vergessen darf: Es gibt zwar Menschen in diesem Land, die radikale, menschenverachtende Positionen vertreten – aber sie sind nicht die Mehrheit. Sie sind laut und erwecken damit den Eindruck, sie wären es. Aber das stimmt nicht, dieser Eindruck darf gar nicht erst entstehen. Gerade deswegen sollten Demokraten ihre Stimme erheben, um zu zeigen, dass diese Menschen die Minderheit sind, auch in den sozialen Medien.

ZEIT ONLINE: Wie kann das konkret aussehen?

Diaby:  Wenn jemand beispielsweise einen rassistischen Inhalt postet und 50 Follower diesen teilen, dann reicht es nicht, wenn die anderen 500 User, die ihn gesehen haben, zwar entsetzt sind – aber doch nur schweigend mit dem Kopf schütteln. Sie müssen aktiv dagegen halten und ihre Meinung sagen. Dann kriegen diese 50 Leute auch mit: Wir sind nicht die Mehrheit.

ZEIT ONLINE: Wie geht es für Sie persönlich nach dem Anschlag weiter? Ihr Bürgerbüro hatte heute regulär geöffnet, korrekt?

Diaby: Ja, die Mitarbeiter wollten es so. Sie haben von sich aus einen Zettel aufgehängt: "Dieses Büro bleibt offen. Wir sind für Sie da." Und genau das ist unsere Philosophie. Wir lassen uns nicht einschüchtern.