Seit Jahren streiten Bundesländer, staatliche Lottogesellschaften und private Glücksspielanbieter darüber, wie das Glücksspiel in Deutschland reguliert oder ob es nicht besser ganz liberalisiert werden sollte. Etliche Gerichtsprozesse wurden geführt – und noch Ende vergangenen Jahres schien eine Lösung des Konflikts in weiter Ferne zu sein. Nun haben sich die Bundesländer überraschend auf die Eckpunkte für eine Reform geeinigt: Demzufolge sollen Onlineglücksspiele wie Onlinepoker und Onlinecasino, die bislang in Deutschland verboten waren, künftig erlaubt sein. Aber was bedeutet das genau für das deutsche Glücksspiel? ZEIT ONLINE erklärt, was Sie jetzt wissen müssen.

Warum braucht es eine neue Glücksspielordnung?

Über Jahrzehnte hinweg war der deutsche Glücksspielmarkt streng geregelt – der Staat hatte ein Monopol auf Lotto und Sportwetten, das Geschäft mit Glücksspielautomaten wie den einarmigen Banditen etwa stand auch privaten Anbietern offen. Allem voran die Digitalisierung hat den Markt jedoch ordentlich durcheinandergewirbelt: Immer mehr Anbieter von Onlineglücksspielen, viele davon aus dem Ausland, drängeln sich inzwischen auf dem milliardenschweren Markt – und das obwohl der Glücksspielstaatsvertrag dies eigentlich untersagt. Einzig das Land Schleswig-Holstein beschritt einen Sonderweg und vergab Lizenzen für ausgewählte Anbieter, sonst aber war Onlineglücksspiel illegal. Für die staatlichen Glücksspielanbieter hatte das gravierende Folgen: Der Deutsche Lotto- und Totoblock, der ebenfalls nur eingeschränkt online aktiv werden konnte, musste Rückschläge bei den Erträgen einstecken – was auch dem Staat Sorgen bereitet, weil ein Gutteil der Einnahmen der Lottogesellschaften sozialen Zwecken, etwa der Sportförderung, zugutekommt.

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Was soll sich nun ändern?

Da der Schwarz- und Graumarkt bei Onlineglücksspielen boomt, wuchs der Druck auf die politisch Verantwortlichen in den Ländern: Die Sorge ob der Umsatzeinbrüche, aber auch ob des schwer kontrollierbaren Markts, in dem Spielerschutz kaum noch möglich ist, ließ sie offenbar umdenken. Dem neuen Entwurf zufolge sind Onlinecasinos und Onlinepoker etwa künftig erlaubt – dies allerdings unter Auflagen. Der Jugend- und Spielerschutz soll verbessert werden ebenso wie die Prävention von Spielsucht. Schon Anfang März sollen die Ministerpräsidenten dem neuen Staatsvertrag grundsätzlich zustimmen. Nach Ratifizierung durch die Parlamente der Länder soll das Vertragswerk am 1. Juli 2021 in Kraft treten.

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Wie groß ist der Onlineglücksspielmarkt?

Der Markt für Onlineglücksspiel wächst seit Jahren extrem: Laut Statista wurden 2017 weltweit Bruttospielerträge von 42 Milliarden Euro erzielt. Aufgrund des florierenden Schwarz- und Graumarkts sind Zahlen für Deutschland schwer zu ermitteln. Laut Erhebung der Glücksspielaufsichten der Bundesländer wurden aber allein in lizensierten Onlinecasinos rund 1,8 Milliarden Euro umgesetzt, was einem Zuwachs von 36 Prozent zum Vorjahr entspricht. Zu den großen Playern im Markt zählen Sportwettenanbieter wie Bwin und Tipico, zudem tummeln sich Schätzungen zufolge mehr als 700 kleinere Anbieter, die ihre Produkte größtenteils von E-Gambling-Plattformen anbieten, die oft in Malta oder der Isle of Man lizensiert sind. Wenn deutsche Spieler diese ausländischen Anbieter nutzen, machen sie sich bislang eigentlich strafbar. Sie tun es aber trotzdem – auch, weil dies von den hiesigen Behörden kaum sanktioniert wird.

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Welche Arten des Onlineglücksspiels sind betroffen?

Unter die zukünftig regulierten Onlineglückspiele fallen digitale Varianten von Poker, Sportwetten und Roulette. Die sogenannten Slots, also virtuelle Münzspielautomaten, tauchen im Gesetzesentwurf bisher nicht auf. Doch gerade die Betreiber dieser Slot-Casinos haben in den vergangenen Jahren viel Geld auch in den deutschen Markt investiert und sogenannte Streamer auf Plattformen wie Twitch und Youtube unter Vertrag genommen. Diese übertragen ihre Spiele live und erreichen ein größeres, oftmals auch sehr junges Publikum.

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Was bedeutet das für Banken und Bezahldienste?

Onlinebezahldienste und Banken dürfen bisher keine Transaktionen deutscher Spieler an Onlinecasinos genehmigen. Banken lehnen Überweisungen dieser Art generell ab, Paypal und andere Bezahldienste hingegen waren trotz des Verbots nutzbar. Handelt es sich beim Empfänger um ein Onlinecasino, ist die Transaktion jedoch rechtswidrig und kann angefochten werden – auch seitens des Absenders. Dies führte in der Vergangenheit mehrfach dazu, dass Spieler ihr verlorenes Geld zurückverlangten und vor Gericht gewannen. Rückforderungen dieser Art sind mit der Neuregelung nicht mehr möglich und auch Banken können in Zukunft Transaktionen an lizensierte Onlinecasinos durchführen.

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Wie sollen Spielerschutz und Suchtprävention gewährleistet werden?

Zum Schutz der Spieler sollen die Einsätze bei Onlineglücksspielen begrenzt werden, und zwar auf 1.000 Euro pro Monat. Aus Sicht von Experten ist das eine recht hohe Summe – zumal beim Spiel erzielte Gewinne zusätzlich eingesetzt werden können. In einer Sperrdatei sollen zudem alle gesperrten Zocker erfasst werden. Die Sperrdatei soll von einer länderübergreifenden Glücksspielaufsichtsbehörde geführt werden, die im Zuge der Reform neu erschaffen werden soll.

Zudem sollen alle Anbieter verpflichtet werden, für jeden Spieler ein Spielkonto einzurichten. Außerdem müssen sie für die Aufsichtsbehörde alle für Kontrollzwecke relevanten Spieldaten bereithalten – dies auch mit dem Ziel, dass Manipulationen von Spielen aktenkundig werden. Spielsuchtexperten halten die Maßnahmen zwar grundsätzlich für sinnvoll, bemängeln jedoch den Wettbewerbsgedanken, der durch die Reform Einzug halte. "Die Zahl der Lizenzen wird unbeschränkt sein, was im Umkehrschluss heißt, dass zwei oder drei Dutzend oder sogar noch mehr Unternehmen um die 1.000 Euro Maximaleinsatz der Kunden rangeln werden", sagt Tobias Hayer, Spielsuchtexperte bei der Uni Bremen. Die Unternehmen würden dann alles tun, um Kunden anzusprechen und dauerhaft an sich zu binden. "Im Zweifel ist dann das Marketing und die Werbung wichtiger als der Spielerschutz."

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