Wurde Flug PS752 abgeschossen? – Seite 1

Die Indizien verdichten sich, dass Flug PS752 von Teheran nach Kiew von iranischen Kurzstreckenraketen abgeschossen wurde. Bei dem Absturz der Boeing 737 nahe dem Startflughafen im Iran waren am 8. Januar alle 176 Menschen an Bord gestorben. Bereits kurz nach dem Absturz hatten iranische Quellen von einem technischen Problem an Bord gesprochen. Mehrere inzwischen veröffentlichte und verifizierte Videos und Fotos legen aber nahe, dass die Maschine von mindestens einer Luftabwehrrakete getroffen worden ist.

Die iranischen Flugunfalluntersucher dementieren das. Es sei technisch nicht möglich, zitierte die iranische Nachrichtenagentur Irna Ali Abedzadeh, den Chef der zivilen Luftfahrtbehörde. "Die ukrainische Maschine brannte mehr als eine Minute lang. Wenn sie von einer Rakete getroffen worden wäre, wäre sie sofort explodiert."

Quellen: Flightradar24, Planet Labs Inc., Maxar, Openstreetmap-Mitwirkende (Satellitenbilder jeweils vom 8. Januar 2020) © ZEIT ONLINE

Die bislang bekannt gewordenen Fakten stützen jedoch eher die Theorie eines Abschusses.

Den ersten Hinweis lieferte ein Video, das ein Beobachter am Boden gemacht und im Netz veröffentlicht hatte. Die New York Times (NYT) hat ihn kontaktiert und die Echtheit des Videos nach eigenen Angaben verifiziert. Außerdem konnte das Rechercheteam der NYT den Ort identifizieren, von dem aus das Video gedreht worden war.

Auf den in der Dunkelheit des frühen Morgens aufgenommenen Bildern ist ein kleiner Lichtpunkt zu sehen, der sich am Himmel über einem Häuserblock schnell von links nach rechts bewegt. In der Bildmitte wird der Punkt plötzlich zu einem sehr viel helleren Blitz. Anschließend bewegt sich ein zweiter, hellerer Lichtpunkt für einen kurzen Moment von der Bildmitte nach unten. Mit zeitlicher Verzögerung von etwa zehn Sekunden ist außerdem ein Knall zu hören.

Möglicherweise ein zweites Indiz sind Fotos von Raketenteilen. Mehrere Bilder zeigen den Kopf einer Rakete, der in einem Straßengraben liegt. Eine schwarz lackierte Spitze und das dahinter befindliche grün lackierte Leitwerk sind darauf zu sehen. Unter anderem die Rechercheplattform Bellingcat hat die Teile als Zünder des russischen Luftabwehrsystems Tor-M1 identifiziert. Fotos der Raketenteile legen zumindest nahe, dass sie im Iran aufgenommen worden sein könnten. Allerdings konnten sowohl die Fotos der Raketenteile als auch ihr tatsächlicher Fundort bislang nicht durch unabhängige Quellen bestätigt werden.

Überwachungssatelliten

Ein weiteres, wenn auch nicht überprüfbares Indiz lieferten US-amerikanische Medien. Der Fernsehsender CBS und die New York Times berichteten, amerikanische Satelliten hätten registriert, dass am Boden ein Radarsystem eingeschaltet worden sei. Anschließend hätten sie zwei Infrarotimpulse festgestellt, die der Start zweier Boden-Luft-Raketen sein könnten. Kurz darauf habe es ein drittes Infrarotsignal gegeben, möglicherweise der Einschlag. Das Ganze habe sich kurz vor dem Absturz der Passagiermaschine abgespielt.

Die Boeing der ukrainischen Fluggesellschaft rollte laut Daten des Flugbeobachtungsdienstes Flightradar24 früh um 6.08 Uhr Ortszeit auf dem Flugfeld los. Vier Minuten später, um 6.12 Uhr, war sie in der Luft. Das letzte Signal sendete der Transponder der Maschine um 6.14 Uhr. Da befand sich die Boeing in einer Höhe von 7.925 Fuß, knapp 2.400 Meter. Danach brach der Kontakt ab.

Wurde die Maschine beschossen, so ist das wahrscheinlich der Zeitpunkt, an dem die Rakete einschlug. Beziehungsweise die zweite der beiden Raketen. Der Zeuge, der das Video filmte, das die New York Times überprüft hatte, berichtete, er habe zu filmen begonnen, nachdem er ein Geräusch gehört habe, das wie ein Schuss klang. Somit hatte er möglicherweise eine erste Rakete gehört und anschließend den Einschlag einer zweiten gefilmt.

Extrem kurze Reaktionszeit

Plausibel wäre ein solches Szenario. Nach dem Angriff auf amerikanische Stützpunkte hatte der Iran seine Luftverteidigung in Alarmbereitschaft versetzt. Man befürchtete einen amerikanischen Gegenschlag und wollte wahrscheinlich vorbereitet sein.

Zur iranischen Luftverteidigung gehört ein System, das die russische Armee, die es entwickelt hat, Tor-M1 oder 9K330 nennt. Bei der Nato wird es unter dem Namen SA-15 Gauntlet geführt. Der Iran hat mehrere dieser Waffen von Russland gekauft. Es handelt sich dabei um gelenkte Kurzstreckenraketen, die auf Panzern montiert sind. Sie sollen schnelle und niedrig fliegende Ziele in möglichst kurzer Zeit und auf geringe Entfernung abschießen.

Die Lenkraketen des Systems können bis zu zwölf Kilometer weit fliegen und Ziele abschießen, die bis zu 700 Meter pro Sekunde schnell sind, umgerechnet also bis zu 2.500 Kilometer pro Stunde. Die Reaktionszeit ist dabei extrem kurz. Von dem Moment, wo die verschiedenen Radare ein Ziel erfassen, vergehen bis zum Start der Rakete nur fünf bis zehn Sekunden. In weiteren vier bis zwölf Sekunden hat die Rakete ihr Ziel erreicht. Üblicherweise werden bei Tor-M1 zwei Raketen kurz nacheinander gestartet und auf das Ziel gelenkt.

Der Sprengkopf sitzt dabei in der Mitte der Rakete, hinter dem Zielerfassungssystem in der Spitze. Dass dieses bei der Explosion abgesprengt wird und als Trümmerteil übrig bleibt, wie es auf den nicht verifizierten Fotos zu sehen sein soll, wäre daher möglich.

Bleibt die Frage, warum eine iranische Luftverteidigungseinheit eine zivile Maschine abgeschossen haben soll, in der auch 82 Iraner und Iranerinnen saßen. Sie ist ungeklärt. Möglich wären technisches oder menschliches Versagen bei der Luftabwehr. Der kanadische Premier Justin Trudeau sagte, man erkenne an, dass es "versehentlich" geschehen sein könne.

Hat die Freund-Feind-Erkennung versagt?

Um auf kurze Entfernung schnelle Ziele vernichten zu können, bleibt wenig Zeit für Entscheidungen. Der Radar arbeitet automatisch, er überwacht einen kreisförmigen Luftraum um die Stellung und erkennt mögliche Ziele. Ein integrierter Rechner analysiert dabei ständig die Daten für die Raketen, um die Ziele zu treffen.

Solche Luftabwehrsysteme senden allerdings automatisch eine sogenannte Freund-Feind-Abfrage, um sicherzugehen, dass sie keine eigenen Flugzeuge angreifen. Die Bodenstation, von der aus die Rakete abgefeuert wird, schickt ein Signal, um zu erfahren, um welche Art von Flugzeug es sich handelt.

Darum seien bei solchen Luftabwehrsystemen generell zwei Szenarien denkbar, sagt Johann Höcherl, Professor für Waffen- und Munitionstechnik an der Universität der Bundeswehr in München. Wenn sich das Flugzeug in kurzer Entfernung von der Bodenstation befindet, könne die Rakete gestartet werden, noch bevor eine Antwort auf die Freund-Feind-Anfrage da ist. Stellt sich heraus, dass es sich nicht um ein feindliches Flugzeug handelt, kann der die Operation überwachende Offizier per Funk die bereits abgefeuerte Rakete anweisen, sich selbst zu zerstören. Das spare im Notfall kostbare Zeit, "eine halbe oder Viertelsekunde", sagt Höcherl. Der Offizier kann aber auch warten, bis eine eindeutige Antwort vom Ziel gesendet wurde, bevor er eine Rakete losschickt.

Ob eine solche Freund-Feind-Erkennung lief, ob sie schiefging, ob die Selbstzerstörung nicht funktionierte – all das ist im Fall des Flugzeugabsturzes von PS752 nicht bekannt. Vollkommen ungeklärt ist auch, warum eine Luftabwehrbatterie überhaupt auf ein ziviles Flugzeug schoss, das zur geplanten Zeit von einem zivilen Flughafen in der Nähe startete und von seiner avisierten Flugroute zunächst nicht abwich.

Und dann gibt es natürlich auch noch die Theorie, dass der Abschuss absichtlich erfolgte. Doch das ist Spekulation, dafür existieren keine Indizien.