"Jede Menge Leben" – der Slogan prangt ganz oben auf den Websites der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Frankfurt und Wiesbaden. "Jede Menge Ärger", das wäre derzeit zutreffender. Beide Kreisverbände stehen im Zentrum eines Skandals, der die Organisation bundesweit belastet und die Öffentlichkeit nicht nur in den beiden hessischen Großstädten seit Monaten beschäftigt.

Die Vorwürfe sind schwerwiegend: fragwürdige Rechnungen, überhöhte Gehälter und dicke Autos, personelle Verflechtungen auf Führungsebene. Selbstbedienung – und das bei einem Wohlfahrtsverband? Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue. Die AWO versucht derweil, sich neu aufzustellen. Die Häutung hat begonnen, abgeschlossen ist sie aber noch nicht.

Vorläufiger Höhepunkt des Skandals waren Razzien Mitte Januar: Sechs Wohn- und acht Geschäftsräume wurden durchsucht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob AWO-Verantwortliche die Stadt Frankfurt beim Betrieb von zwei Flüchtlingsunterkünften betrogen haben, indem Personalkosten im hohen sechsstelligen Bereich falsch abgerechnet wurden, wie eine Sprecherin ZEIT ONLINE bestätigte. Zudem prüfe man den Verdacht auf Untreue gegenüber der AWO, wegen satzungswidriger Vergütungen, ungerechtfertigter Honorarzahlungen, einer überhöhten Dienstwagenpauschale.

Die Durchsuchungen richteten sich gegen zwei Frauen und vier Männer, die teilweise in beiden Kreisverbänden gleichzeitig, zum Teil ehrenamtlich in leitenden Funktionen tätig waren. Durch eine anonyme Anzeige und Medienberichte waren die Vorwürfe bekannt geworden.

Doppelt so viel Gehalt wie die Bundeskanzlerin

Die Affäre ist fein verästelt und umfasst mittlerweile viele verschiedene Vorwürfe auf unterschiedlichen Ebenen. Im Zentrum stehen die eng verflochtenen Kreisverbände von Frankfurt und Wiesbaden. Deren bisherige, langjährige Geschäftsführer sind verheiratet, waren jeweils auch im anderen Verband tätig – und ließen sich das offenbar gut bezahlen. Aus dem AWO-Bundesverband hieß es, als Geschäftsführer eines Kreisverbandes dieser Größe seien höchstens 100.000 bis 120.000 Euro Jahresverdienst angemessen. Es soll nach Medienberichten aber nahezu das Dreifache geflossen sein. Das Gehalt einer Geschäftsführerin war zeitweise doppelt so hoch wie das der Bundeskanzlerin, verlautet es aus der AWO in Wiesbaden. Für Schlagzeilen sorgte auch, dass mitunter Dienstwagen im Wert von 80.000 Euro genehmigt wurden.

Wie war das möglich? Bei der AWO Frankfurt heißt es inzwischen, die bisherigen Erkenntnisse legten nahe, dass die Aufsicht "nicht wirkungsvoll" war. "Neben einem nahezu uneingeschränkten Vertrauensvorschuss und viel Gutgläubigkeit waren die Kontrollmechanismen der Größe des Verbandes nicht mehr angemessen und ausreichend", sagte Sprecher Johannes Frass ZEIT ONLINE.

Zuständig für die Aufsicht von Frankfurt und Wiesbaden ist laut AWO-Bundesverband auch der Bezirksverband Hessen-Süd. Dort setzt man bei der Aufarbeitung auf prominente Unterstützung. Die frühere Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) leitet eine Taskforce, die Missstände aufklären und Konsequenzen vorschlagen soll. "Unsere unabhängige Taskforce geht allen Hinweisen nach und prüft, ob sie relevant sein könnten. Das tun wir mit Nachdruck", sagte sie ZEIT ONLINE. Mitarbeiter könnten sich auch vertraulich an sie wenden. "Die Arbeiterwohlfahrt muss dringend ihren guten Ruf wiederherstellen. Das ist sie ihrer hundertjährigen Geschichte, ihren Beschäftigten, Betreuten und Partnern schuldig." Man arbeite mit dem Bundesverband, Staatsanwaltschaft und anderen staatlichen Stellen zusammen.