Coronavirus - Entdecker stirbt an Virusinfektion Der 34-jährige Arzt Li Wenliang hatte Anfang Dezember zusammen mit Kollegen das neue Virus entdeckt. Nun ist er selbst am Coronavirus gestorben. © Foto: GettyImages

Selbst sein Tod scheint am Ende Gegenstand von Manipulation gewesen zu sein: Der Arzt Li Wenliang hatte seine Landsleute als einer der Ersten vor dem neuen Coronavirus gewarnt. Die Polizei brachte ihn zum Verstummen, nannte ihn einen "Gerüchteverbreiter". Dann erkrankte Li selbst an der Lungenkrankheit. In der Nacht zu Freitag Ortszeit in Wuhan ist der Arzt gestorben.

In Chinas sozialen Medien wird nun darüber spekuliert, dass die Behörden Lis Ärzte noch weit nach Mitternacht zu Rettungsmaßnahmen angehalten haben, um vorzutäuschen, er sei noch am Leben – obwohl Meldungen zufolge Lis Herz schon am Donnerstagabend um 21.30 Uhr aufgehört haben soll zu schlagen.

Über Stunden vollzog sich im Netz ein unwirkliches Schauspiel: Die parteitreue Global Times meldete gegen halb elf Uhr Lis Tod. Millionen Chinesinnen und Chinesen bekundeten ihren Schock. Die Weltgesundheitsorganisation drückte auf Twitter ihr Beileid aus. Dann verbreitete sich die Nachricht, Li sei noch am Leben. Oder doch nicht? Nach Mitternacht meldeten Reporter, Li sei um 00.04 Uhr verstorben. Das Wuhan Xinhua Krankenhaus dementierte. Schließlich vermeldeten die Behörden: Li Wenliang sei um 02.58 Uhr gestorben.

Li ist zur Ikone geworden

Hat die Regierung die Meldung absichtlich um Stunden hinausgezögert, um Entrüstung im Netz zu verhindern? Eine klügere Strategie wäre wohl gewesen, ihn als Helden zu vereinnahmen und einzelnen Provinzkadern in Wuhan die Schuld daran zu geben.

So aber ist das Desaster für die Regierung in Peking perfekt: Bereits in den vergangenen Wochen war der 34-jährige Augenarzt Li zur Ikone geworden. Am 30. Dezember 2019 hatte er in einer Chatgruppe vor einem neuartigen Erreger gewarnt. Die Polizei suchte ihn nachts zu Hause auf und wies ihn an, zu schweigen. Ende Januar wurde Li dann selbst positiv auf das Coronavirus 2019-nCoV getestet. Seine Frau erwartet ein zweites Kind. Auch sie hat sich inzwischen angesteckt. Seine Eltern ebenfalls. Li ist einer der jüngsten Toten der Epidemie. Die meisten Verstorbenen sind viel älter, hatten meist Vorerkrankungen. Ob es bei Lis Krankheit Komplikationen gab, ist nicht bekannt.

In der Trauer über seinen Tod ist die chinesische Gesellschaft nun geeint wie seit vielen Jahren nicht. Kaum jemanden lässt sein Schicksal unberührt. Li war kein Dissident, kein querulanter Intellektueller oder Künstler, kein Uigure im entfernten Xinjiang. Sondern ein junger Augenarzt mit Spitzendiplom, Han-Chinese aus der Mittelschicht, gutaussehend noch dazu. Li stand nicht abseits der Mainstreamgesellschaft, sondern mittendrin. Li ist der ideale Märtyrer.

"In einer gesunden Gesellschaft sollte es nicht nur eine Art von Stimme geben" ­– diesen Satz verschickte Li vor einigen Tagen aus seinem Krankenhausbett. Er wird nun zum Fanal. Viele Trauernde verbrachten eine schlaflose Nacht. #IchwillMeinungsfreiheit war am Freitagmorgen um fünf Uhr der Weibo-Hashtag der Stunde. Zwei Millionen Mal wurde er geklickt, bis er verschwand. Um sechs Uhr begann dann #WirwollenPressefreiheit zu trenden, drei Millionen Klicks. Auch dieses Hashtag wurde gelöscht.

Kaum etwas fürchtet Peking so sehr wie Helden

Die Welle aus Wut und Trauer in den sozialen Medien ist aber ungebrochen. Aus dem ganzen Land posten Menschen Kerzenbilder und Zeichnungen von Li mit Stacheldraht als Mundschutz – mit Fotos lässt sich die Zensur einfacher umgehen. Ein Kommentator schreibt: "Lis Tod ist ein Tag der nationalen Schande." Nachrufe beschreiben Li als Kumpel von nebenan, jemand, der in Pantoffeln zur Eisdiele ging und Stammgast war bei der beliebten Hotpot-Kette Haidilao.

Jeder in China kann sich mit ihm identifizieren. Ein Albtraum für die kommunistische Führung. Denn kaum etwas fürchten Pekings Autokraten so sehr wie den Tod eines Helden. Anlass dafür gibt die chinesische Geschichte genug: 1913 löste ein Attentat auf den Gründer der Kuomintang-Partei eine Revolte gegen den Staatspräsidenten aus. 1976 nahmen Menschen den Tod des Premierministers Zhou Enlais zum Anlass, um gegen die Viererbande aufzubegehren, jener Gruppe von Funktionären aus dem linken Flügel der Staatspartei, die schon neben Mao Zedong Macht ausübte. Und 1989 führten das Gedenken an den beliebten Generalsekretär Hu Yaobang zur Studentenbewegung von Tiananmen. Immer wieder wurde die chinesische Trauerfarbe weiß auch zur Farbe von Protesten.

Peking hat inzwischen auf die Empörung im Netz reagiert: Ein Parteikomittee soll die Fragen der Bevölkerung zum Fall Li Wenliang untersuchen, heißt es. Viele dürfte das nicht besänftigen: "Erinnere dich an die Wut, die du heute spürst", lautet ein Appell, der nun viral geht.

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