Es gibt Menschen in unserer Mitte, die sind nicht nur betroffen und schockiert vom Hanauer Terroranschlag. Die haben kalte Angst. Menschen, die sich fragen, wo es für sie noch sichere Orte gibt. Denen auf diese Frage keiner eine gute Antwort geben kann.

Man kann als Weißer ohne Migrationshintergrund, als jemand also, der Rassismus nie erlebt, nicht erfühlen, wie es ist, von solch einem Verbrechen zu erfahren. Wir sind nicht alle die Opfer dieses Anschlages, so wohlmeinend dieser Satz auch ist. Wir sind die, die eine Atmosphäre haben entstehen lassen, in der sich Täter wie der von Hanau ermutigt fühlen konnte. Scham wäre angemessen, auch dafür, dass noch immer viel zu selten jemand die Schutzbedürftigkeit anspricht, die es schon immer mit sich brachte, in diesem Land Muslim oder Nichtweißer zu sein.

All jene, die jetzt vom Abgrund dieses gewaltbereiten Rassismus überrascht sind, die haben, man muss das so sagen, in den letzten Jahren und Jahrzehnten einfach nicht zugehört. "Dieser Terror", twitterte der Journalist Hasnain Kazim, "ist keine Überraschung, kein unerwartetes Ereignis, nichts, von dem man behaupten könnte, man hätte es nicht wissen können. Sondern es ist genau das, was absehbar und erwartbar war."

Wir sind längst mittendrin in einer rechtsextremen Terrorwelle, die viele so lange nicht für möglich gehalten haben und vor der andere, besonders von Rassismus Betroffene, ebenso lange warnten. Der Mord an Walter Lübcke ist neun Monate her, der antisemitische Anschlag von Halle gerade vier. Eine Saat geht auf, die schon immer da war, und die besonders in den vergangenen Jahren immer wieder neu bewässert wurde.

Es ist das zurückgekehrte Reden von der Ungleichwertigkeit ganzer Menschengruppen, von Nafris, vom Asyltourismus, von Kulturkreisen, von Umvolkung und von Invasion. Wer glaubt, dass so etwas keine Folgen hat, der lügt entweder oder er hängt in an Urteilsschwäche grenzender Naivität immer noch der Illusion an, dass Deutschland, das Land der "Aufarbeitungsweltmeister", für immer geheilt sei von dem rassistischen Hass, der lange vor dem zweiten Weltkrieg in seiner Mitte entstand.

Bewältigungsroutine

Doch kurz nach dem Terroranschlag von Hanau hat die Bewältigungsroutine eingesetzt, die wir auch nach dem Lübcke-Mord oder nach Halle kennengelernt haben. Anteilnahme und Schock dominieren, und wäre man neu in Deutschland, könnte man an diesem Innehalten etwas Tröstliches empfinden. Doch es gibt inzwischen leider einige Erfahrungswerte dazu, welche konkreten Folgen diese sicher ernst gemeinte Erschütterung vieler Politiker direkt nach einer rassistischen Terrortat hat. Wie groß war die Anteilnahme für die Opfer des NSU, wie tief war das Mitgefühl nach dem Horror von Halle? Und doch trat jedes Mal bald darauf wieder dieser deutsche Normalzustand ein, der den Betroffenen das Gefühl vermitteln musste, dass sich in Wirklichkeit nichts, aber auch gar nichts verändert hatte.

Als längst sichtbar war, dass die AfD eine seit 1945 nicht dagewesene rechtsradikale Bedrohung ist, konnte sich in Deutschland eine Erzählung ausbreiten, nach der dieses Land von den Linken bedroht sei. In einer Zeit, in der sich rechte Terroranschläge und rechte Wahlergebnisse abwechseln, begehrt kaum jemand in der CDU auf, wenn konkurrierende Anwärter um den Chefposten gedenken, die Wahlerfolge der AfD mit einem Rechtsruck der Union zu beantworten. Oder wenn ein Mann wie Friedrich Merz, der Kanzler werden will, nichts, aber auch gar nichts Substanzielles zum Thema Rassismus zu sagen hat, aber meint, ein Burkaverbot vorschlagen und damit das rassistische Stereotyp von der rückständigen, vordemokratischen Muslima füttern zu müssen.

Shisha-Bars - "Das kann jetzt überall passieren" Für viele Menschen mit Migrationshintergrund waren Shisha-Bars bislang Rückzugsräume. Wie fühlen sie sich nach dem Attentat von Hanau? Unsere Reporter haben nachgefragt. © Foto: Sven Wolters / ZEIT Online

"Nazikeule"

Dass Menschen mit Migrationshintergrund in dieser Gesellschaft immer wieder kleinen und großen rassistischen Übergriffen ausgesetzt sind, dass sie permanent Anpassungsbeweise erbringen müssen, ohne dass die Mehrheitsgesellschaft ihren Schutz zu einem großen Anliegen macht, ist bei uns hingegen kein Skandal. Im Gegenteil: Wer das thematisiert, zieht Wut auf sich, weil er damit angeblich Opfernarrative fördert, die Nazikeule schwingt, spaltet – oder einfach die Illusion untergräbt, dass jeder in diesem Land von Geburt an die gleiche Chance hat.

Was soll eigentlich noch passieren, bis wir, die Weißen ohne Zuwanderungsgeschichte, die Bedrohung, die der Rassismus darstellt, aus Sicht der Betroffenen betrachten?