Die humanitäre Lage im umkämpften Nordwesten Syriens verschlimmert sich weiter. Nach Angaben der Vereinten Nationen haben allein in den vergangenen drei Tagen mehr als 140.000 Menschen die Flucht vor der zunehmenden Gewalt angetreten. Damit sei die Zahl der Vertriebenen in der Gegend seit Anfang Dezember auf mehr als 800.000 gestiegen. Mindestens 60 Prozent von ihnen seien Kinder.

Grund für die Massenflucht sind neue Angriffe der syrischen Regierungstruppen, die von Russland unterstützt werden. Sie haben sich in den vergangenen Wochen weiter in den Süden und Osten der Provinz Idlib sowie den Süden und Westen der Provinz Aleppo vorgekämpft, um Rebellen die Kontrolle über die dortigen Gebiete zu entreißen. Idlib gilt als die letzte große Rebellenhochburg im Bürgerkriegsland Syrien.

Die Regierungstruppen hatten zuletzt eine Schnellstraße durch das Rebellengebiet freigekämpft. Entlang der Straße stehen Dörfer und Städte größtenteils leer. Hunderttausende Menschen bemühen sich, von der Front wegzukommen und drängen sich in Lagern, auf offenem Feld und in Zelten zusammen.

In der umkämpften Region, zu der Teile der Provinzen Idlib und Aleppo gehören, leben schätzungsweise vier Millionen Menschen. Viele dieser Bewohner waren jedoch schon früher selbst aus anderen Gegenden Syriens vertrieben worden. Die humanitäre Krise wird durch eisiges Wetter und Versorgungsengpässe verschärft, teilten die Vereinten Nationen mit. Die Lage habe einen äußerst kritischen Punkt erreicht.

UN-Regionalsprecher David Swanson warnte, die Zahl der Vertriebenen werde weiter steigen, weil die Regierungsoffensive weitergehe. "Dieses Ausmaß der Vertreibungen könnte zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen, während mehr und mehr Menschen in einem immer kleineren Gebiet zusammengedrängt werden, die kaum noch mehr als das nackte Leben haben", sagte er. Um Leben zu retten und Leiden zu mildern, würden dringend zusätzliche Mittel und auch mehr Geld benötigt. "Die Krise verschärft sich mit jeder Minute, doch die internationale Gemeinschaft bleibt gleichgültig", so Swanson.

Auf einer Sondersitzung hatte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen bereits Anfang Februar seine Rufe nach einer sofortigen Waffenruhe verstärkt.