Kann es erst eine Woche her sein? Als Stefanie Zerzer am Mittwoch der vergangenen Woche vom Krankenhaus nach Hause fuhr, dachte sie noch: Vielleicht wird es ja schon wieder besser. Die Patienten, die sie im Zelt vor der Notaufnahme ihrer Klinik untersucht hatte, hatten geduldig gewartet, voller Sorgen, natürlich, aber nicht panisch. Jeder Pflegende hatte während einer Schicht sogar zwei Schutzmasken zum Wechseln.

Nur acht Tage später ist in der improvisierten Abteilung für Triage, die sonst nur in Kriegssituationen zum Einsatz kommt, die Hölle los. Patienten liegen auf Pritschen und warten bis zu 16 Stunden lang auf das Ergebnis ihres Virentests. Überforderte Pfleger wissen nicht, wem sie zuerst helfen sollen. Oft kann Zerzer nicht einmal mehr ausmachen, mit wem sie gerade redet, weil in den Schutzanzügen alle gleich aussehen, Reinigungskräfte, Ärztinnen, Pflegende.

In Südtirol, der nördlichsten Region Italiens, einem der reichsten Landstriche Europas, autonom, schuldenfrei, herrscht Notstand. Das Gesundheitssystem ist bis an die Grenzen seiner Kräfte gespannt. Hier lässt sich ablesen, was selbst gut situierten Regionen Europas drohen könnte. Und was passiert, wenn die europäische Zusammenarbeit ins Stocken gerät.

Bett an Bett reihen sich die Kranken

Stefanie Zerzer ist nun ständig im Einsatz, wechselt zwischen der Triage und der Notaufnahme. Als sie kurz vor ihrer Nachtschicht im Aufwachraum vorbeischaut, der jetzt als provisorische Intensivstation genutzt wird, erschrickt sie. Die Krankenpflegerin hat schon oft Menschen gesehen, die künstlich beatmet werden. Aber das hier ist anders. Ein langer Raum, ein Bett nach dem anderen. Keine Trennwände, keine Vorhänge. Einige Pfleger in voller Schutzausrüstung kümmern sich in dem Zimmer um die Patienten. Vor der Tür versorgen ihre Kollegen weitere Patienten mit Material und Medikamenten, damit sie sich nicht ständig an- und ausziehen müssen.

So also sieht der Notstand aus. Und Marc Kaufmann ist der Mann, der verhindern soll, dass daraus eine Katastrophe wird. Kaufmann ist Chefarzt der Notfallmedizin in Südtirol und medizinischer Einsatzleiter im Corona-Krisenstab der Region. Der erfahrene Intensivmediziner hat lange an der Universitätsklinik in Innsbruck gearbeitet, ist Notarzteinsätze mit dem Hubschrauber geflogen, hat Transplantationen bei Kleinkindern begleitet und das Kunstherzprogramm der Uniklinik. Er hat auch ein Projekt für den mobilen Einsatz von Herz-Lungen-Maschinen ins Leben gerufen.

Jetzt koordiniert Kaufmann den Kampf gegen das Virus. "Wir sind sieben bis zehn Tage hinter der Lombardei", sagt Kaufmann und meint damit die Ausbreitung des Virus. Das sei eine Chance gewesen, Präventivmaßnahmen schneller und strenger durchzusetzen und Kräfte zu bündeln. Sieben Krankenhäuser gibt es in der Region, das größte in Bozen.

Die Notfallmedizin aller dieser Häuser ist nun Kaufmann unterstellt. Das gibt ihm die Möglichkeit, Material und Personal so zu verlagern, wie es gerade gebraucht wird. "Wir haben alle Behandlungen eingefroren, die nicht unmittelbar nötig sind, und fahren einen reinen Notfallbetrieb", sagt Kaufmann. In Meran wurde die Rehabilitation komplett geschlossen, um Platz für Corona-Patienten zu schaffen. Innerhalb von zwei Wochen hat Kaufmann die Zahl der Intensivbetten auf mehr als 70 verdoppelt und hofft, sie in den kommenden Tagen weiter aufstocken zu können.

Eine Region ohne Herz-Lungen-Maschine

Allerdings stößt die Versorgung von Schwerkranken schnell an ihre Grenzen. Südtirol hat keine Universitätsklinik, es gibt in der ganzen Region keine einzige Herz-Lungen-Maschine. Das war auch lange nicht nötig. Denn es gab ja die Universität in Innsbruck.

Seit 1919 ist Tirol geteilt. Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs schlugen den Süden Italien zu, Nordtirol und ein kleines Stück im Osten blieben bei Österreich. Doch die Menschen beiderseits der Grenze fühlten sich weiterhin eng verbunden. Mit der europäischen Einigung wuchs die Landschaft Tirol wieder eng zusammen. Auch die Krankenhäuser aus dem Süden und dem Norden kooperierten eng, kritische Patienten aus Bozen, Meran und Brixen wurden häufig in die Uniklinik von Innsbruck verlegt. Zugleich arbeiten viele Südtiroler als Ärzte und Pflegekräfte in Nordtirol.

Doch dann kam das Virus und mit ihm der zeitweise Rückfall in nationalstaatliches Denken. Die Grenze zwischen Österreich und Italien wurde geschlossen. Plötzlich wurde es schwierig, Kranke aus dem Süden in den Norden zu bringen. "Es hieß auf einmal, Innsbruck kann keine Patienten mehr aufnehmen", sagt Kaufmann. Zugleich, so berichtet es der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher ZEIT ONLINE, habe Österreich Mitarbeitende in sensiblen Einrichtungen, die aus Südtirol stammen, aufgefordert, in Innsbruck zu bleiben. "Man wollte jedes Risiko der Ausbreitung des Virus minimieren." Wenn Südtiroler doch nach Hause fuhren, konnten sie nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurück. Oder sie mussten in Quarantäne, weil sie aus einem Risikogebiet kamen.