Die medizinische Lage in Italien ist dramatisch. Ärzte arbeiten am Limit. Wie können Nachbarländer helfen? Einige deutsche Kliniken fliegen inzwischen Corona-Patienten ein. Auch Sachsen übernimmt acht schwerkranke Menschen aus Italien. Die ersten beiden sind gestern Nacht in Leipzig angekommen. Professor Sebastian Stehr, Direktor der Klinik für Intensivtherapie am Leipziger Universitätsklinikum, betreut die Patienten.

ZEIT ONLINE: Herr Stehr, das Uniklinikum Leipzig hat in der Nacht zwei schwerkranke Corona-Patienten aus Italien aufgenommen. Wie lief der Transport ab?

Sebastian Stehr: Gegen 1.30 Uhr ist eine Militärmaschine am Flughafen Leipzig-Halle gelandet. Mit zwei Intensivpatienten aus Bergamo an Bord, beides italienische Staatsangehörige. Es handelt sich um zwei Männer, beide Ende 50. Sie werden seit einigen Tagen beatmet. Leider haben sie die typischen Symptome, die man von Corona-Infektionen kennt, in schwerer Ausprägung. Daher: Ihr Zustand ist kritisch.

ZEIT ONLINE: Wie groß ist die zusätzliche Belastung durch lange Transporte?

Sebastian Stehr © Stefan Straube/​UKL

Stehr: Lange Transporte mit dem Flugzeug sind gerade für solche Patienten nicht ungefährlich. Deshalb haben wir die beiden Männer aus Italien erst einmal nach Ankunft bei uns auf der Intensiv-Isolierstation wieder stabilisieren müssen. Auf einer Intensivstation gibt es Geräte, um Messungen durchzuführen, zum Beispiel zur Bestimmung von Blutgasen oder um die Atmung besser anzupassen. Man hat auch schlicht viel mehr Platz, um an die Patienten heranzukommen. Das ist nicht unwichtig, denn zum Teil müssen Patienten mit schwerem Lungenversagen auf den Bauch gedreht werden, um den Sauerstoffgehalt im Blut hochzuhalten. Das ist in einem Flugzeug nicht unbedingt möglich. Transporte bergen immer ein gewisses Risiko, das man vorher abwägen muss.

ZEIT ONLINE: Wie wählt man Patienten für solch einen Transport aus?

Stehr: Die Auswahl der Patienten haben wir im aktuellen Fall den Intensivmedizinern in Bergamo überlassen. Das macht Sinn, denn die Lage ist dort so dynamisch, dass manche Patienten, die vielleicht noch am Wochenende für einen Transport angedacht waren, inzwischen schon tot sind oder ihr Zustand sich derart verschlechtert hat, dass kein Transport möglich war. Wer nun die beiden Transportplätze nach Deutschland bekommen hat, wird sehr kurzfristig entschieden worden sein.

ZEIT ONLINE: Sie hatten Kontakt zu den italienischen Ärzten. Welchen Eindruck hatten Sie von der Lage in Bergamo?

Stehr: Wir hatten kaum Zeit, uns tiefgehender über die Lage vor Ort auszutauschen, nur über die Patienten. Tatsächlich habe ich aber denselben Eindruck, den man auch aus den Medien bekommt: Die medizinische Lage ist dort sehr schwierig.

ZEIT ONLINE: Wie viel bringt die Unterstützung aus Deutschland?

Stehr: Die Abnahme von zwei Patienten in so einer Situation wird für die italienischen Mediziner im Augenblick wohl nur eine kleine Erleichterung sein. Es ist im Augenblick geplant, dass in den nächsten 36 Stunden noch weitere sechs Patienten in drei andere sächsische Krankenhäuser transportiert werden. Man muss jedoch davon ausgehen, dass der Bedarf in Italien weitaus höher ist.

ZEIT ONLINE: Warum hat sich das Leipziger Uniklinikum für die Aufnahme der beiden italienischen Patienten entschieden?

Stehr: Das ist ein humanitärer Akt, ein kleines Zeichen. Wir halten solche Übernahmen derzeit für möglich. Die Situation in Sachsen im intensivmedizinischen Bereich ist derzeit noch entspannt. Alle Kliniken haben sich vernetzt und halten Kapazitäten frei für Corona-Patienten. Im Augenblick liegen hier nur sehr wenige Patienten mit Corona auf Intensivstationen. Wir beobachten die Situation aber engmaschig, und auch wir gehen in den nächsten zehn Tagen davon aus, dass es mehr schwere Corona-Fälle in Sachsen geben wird.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie sich in der Leipziger Klinik auf die Corona-Pandemie eingestellt?

Stehr: Der Klinikalltag ist nicht mehr mit der Normalität zu vergleichen. Wir haben geplante Operationen auf fast null heruntergefahren, um Kapazitäten für Corona-Fälle bereitzuhalten. In Leipzig haben wir schon seit jeher eine Infektionsisolierstation, dort können in 14 Betten Corona-Patienten behandelt werden. Wenn die Kapazitäten nicht ausreichen, haben wir einen Eskalationsplan, um viele weitere Intensivbetten zur Verfügung zu stellen. Auch im normalen Stationsbereich haben wir zwei komplette Stationen leergeräumt und als Isolierstationen umgebaut. Die Teams werden trainiert, wir treffen uns jeden Tag in einer Stabssitzung und besprechen Einzelmaßnahmen. Wir sind gerade in einer unglaublich intensiven Vorbereitungsphase.

ZEIT ONLINE: Lernen Sie durch die Patienten aus Italien auch noch dazu?

Stehr: Wir sind schon seit vielen Jahren ein Spezialzentrum für Patienten mit Lungenversagen, haben alle Möglichkeiten zur Behandlung. Wir betreuen auch jetzt Patienten, die ähnliche Symptome haben durch andere Infektionskrankheiten, zum Beispiel Influenza. Es gibt jetzt sicher Besonderheiten durch die pandemische Corona-Situation, aber die grundsätzliche Behandlung solcher Patienten ist bei uns Alltag.

ZEIT ONLINE: Hat sich Ihr Blick durch die Zusammenarbeit mit Italien verändert?

Stehr: Ich blicke mit großer Sorge auf Länder wie Italien und Spanien, wo sich bisher viel mehr Menschen infiziert haben als in Deutschland. Der Kontakt mit Bergamo hat uns noch einmal vor Augen geführt, wie dramatisch die Lage dort ist.