Wie verändert der Corona-Ausbruch Deutschland? Unser Reporter Henning Sußebach beschreibt das in der Serie "Aus einem anderen Land". An welche Orte er noch gelangt, mit welchen Menschen er (bei Wahrung der Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes) reden kann, liegt weniger an ihm als an den Umständen. Diese Krise ist auch für Journalisten neu, kaum jemand hat Erfahrung – jede Bürgerin und jeder Bürger ist gleichermaßen Laie wie Experte. Wenn Sie unseren Reporter auf Folgen des Corona-Ausbruchs und Geschehnisse in Ihrer Umgebung hinweisen wollen, schreiben Sie ihm: anderesland@zeit.de

Nimmt man Hamburg als Beispiel und dort die Manshardtstraße, dann handelt es sich normalerweise um einen eher stillen Ort in einer an sich eher lauten Stadt. Die Manshardtstraße ist eine Sackgasse im Stadtteil Horn, sie endet an der Einfahrt zum Öjendorfer Friedhof, einem der größten in Hamburg. In den Vorgärten stehen schwarz und stumm die Grabsteine der Bestattungsinstitute. Leise fahren Leichenwagen ein und aus. Normalerweise.

Aber was ist normal in diesen Tagen? An den lauten Orten ist es still geworden, auf Spielplätzen, in Einkaufszentren. Und in der leisen Manshardtstraße, hinter einem großen Schaufenster von Arif – Grabsteine und Grabpflege, wird ein Mann von Mitte 50 laut. Müde, grau und aufgewühlt sitzt er auf einem Sofa des Bestatters Arif Tokicin. Der Besucher wiegt sich voller Gram, weil er seinem Vater nicht die letzte Ehre erweisen kann: ein würdiges Begräbnis.

Covid-19 - Bestatter fühlen sich von der Politik vergessen Derzeit müssen ungewöhnlich viele Menschen beerdigt werden, was die Bestatter vor eine Herausforderung stellt. Noch dürfen Beerdigungen im kleinen Kreis stattfinden. © Foto: GettyImages

Der Vater, 80, vor Jahrzehnten aus Afghanistan geflohen, starb vor wenigen Tagen. Seine Leiche liegt in einem Kühlhaus, sie müsste nun nach islamischem Glaubensgrundsatz gereinigt werden, von einem Imam und von den Hinterbliebenen. Aber die Friedhofsverwaltung hat Weisung von oben bekommen, dass "Abschiede und rituelle Waschungen" mit sofortiger Wirkung zu unterlassen sind. Jeder Körper könnte infektiös sein. Deshalb keine Waschung. Kein Streicheln. Kein Stirnkuss.

"Aber mein Vater hatte kein Corona!", ruft der Mann auf dem Sofa.

"Ich glaube Ihnen. Wir dürfen trotzdem nicht", sagt Arif Tokicin, der Bestatter.

Auch für das Begräbnis selbst müsse der Kunde wieder Gäste ausladen. Es gilt "Kontaktreduzierung" für die Lebenden und die Toten. Es wird um "Unterlassen der Beileidsbekundung mit Körperkontakt" gebeten. Die Zahl der Trauergäste ist auf zwanzig begrenzt. Einhundert waren eingeladen.

Nein, es sind keine normalen Zeiten mehr. Es sind Zeiten, in denen Gewissheiten innerhalb von Tagen oder Stunden ihre Gültigkeit verlieren. In denen einem abends falsch erscheint, was morgens noch richtig klang. Als Corona nach Deutschland kam, dachten einige von uns Journalisten beispielsweise, es werde einige Wochen lang weniger Wirklichkeit geben, über die es zu berichten gelte. Fielen nicht Buchmessen, Fußballspiele und Filmpremieren aus? Würde Deutschland nicht abbremsen und zu einem ereignislosen Stillstand kommen?

Wir wissen inzwischen, dass das ein Irrtum war. Wir wissen jetzt, dass Wirklichkeit in ihrer Summe nie weniger wird. Die Wirklichkeit findet jetzt nur woanders statt als in den gewohnten Wahrnehmungsrastern – und das oft wuchtiger als zuvor. Zum Beispiel auf der Besprechungscouch des Hamburger Bestatters Tokicin.

Wer dieser Tage in Deutschland stirbt, stirbt oft allein. Und manchmal wird er auch allein beerdigt. Man kann zwar Fußballturniere verlegen und Abiturprüfungen verschieben, doch der Tod macht keine Pause. Von den Folgen sind alle Konfessionen betroffen – zur neuen Corona-Wirklichkeit gehört aber auch, dass sich offenbar besonders viel für jene Bürgerinnen und Bürger ändert, die nicht zur Mehrheitsgesellschaft zählen, die nicht zur gesellschaftlichen Mitte gehören, auf die der Alltag bislang zugeschnitten war. Deshalb tragen sich derzeit auch bei muslimischen Bestattern wie Arif Tokicin in Hamburg Szenen zu, die sich vor wenigen Tagen noch niemand ausmalen konnte.

Tokicin, 51, kam im Alter von neun Jahren mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland. Er sagt, derzeit sterbe die erste Generation von Zuwanderern, "Leute mit starken Wurzeln in der Heimat", Menschen, die mit Deutschland nur Arbeit verbinden, aber weder Herkunft noch Bleibe, erst recht nicht für immer.

Von den rund 250 Toten, die Tokicin jährlich anvertraut werden, wurde bislang etwa die Hälfte auf Wunsch der Hinterbliebenen ausgeflogen. In den Frachträumen der Airlines traten die Toten ihre vorletzte Reise an, wurden in die Türkei, nach Afghanistan, in den Iran überführt und dort in uralten Familiengräbern bestattet, die nicht nach 25 Jahren auslaufen, wie in Deutschland üblich. Zu jedem Sarg im Flugzeugbauch gehörten bisher auch Trauergäste in den Stuhlreihen in der Kabine darüber, schweigsame Reisende zwischen emsigen Handelsvertretern und vorfreudigen Touristen.

"Nur gibt es jetzt keine Flüge mehr", sagt Tokicin.

Die Hinterbliebenen haben noch die Wahl, ihre Toten – gegen deren ursprünglichen Willen – in Deutschland bestatten zu lassen oder sie für Wochen oder Monate in Kühlräumen zu lagern, entgegen muslimischer Bräuche. Die Pandemie hat gerade erst begonnen, aber der Bestatter Tokicin fürchtet schon einen Leichen-Stau, der sich entlang alter Konfessionsgrenzen und aktuell geschlossener Landesgrenzen bildet. Einige Verstorbene habe er in den vergangenen Tagen noch überführen können, sagt er, nach Istanbul und Samsun am Schwarzen Meer, in weitgehend leeren Flugzeugen, die schon keine Passagiere mehr beförderten.

Und vor zwei Tagen noch verabschiedeten sich in seinem Institut drei Kinder und deren Vater vom Leichnam der Mutter, gestorben mit 40, ohne jede Begleitung ausgeflogen in die Türkei. Es gab Streicheln, Stirnküsse, Tränen.

"Da war ein Abschied noch erlaubt", sagt Tokicin.