Wie werden sie also aussehen, unsere Corona-Tage? Vielleicht bestenfalls so: Morgens lassen wir uns per Podcast vom Virologen auf Krisenstand bringen, auf dem Frühstückstisch aufgetautes Brot, H-Milch, Hartkäse. Dann teilen wir uns auf zwischen Studierzimmer (aka Homeoffice) und Heimunterricht (aka Homeschooling). Familie ist kein halbstündiger Zusammenhang am Abendbrottisch mehr, sondern Dauerzustand. Das Haus verlassen wir nur, wenn wir müssen und dürfen, es gibt ja da draußen auch nichts mehr zu tun. Wir schaffen es zum Laden an der Ecke, wo wir für die Alten in der Nachbarschaft mit einkaufen, so wie wir uns überhaupt vor allem um das kümmern, was uns nah ist. Abends Hausmusik auf den Balkonen. Unsere Welt schrumpft, unser Leben wird nicht leichter, aber einfacher.

Der Soziologe Zygmunt Bauman hat kurz vor seinem Tod den Begriff "Retrotopia" geprägt. Gemeint ist damit das Phänomen, dass die meisten Utopien längst nach hinten schauen statt nach vorne. Dass eher die Vergangenheit idealisiert, statt eine neue Zukunft erdacht wird.

Das wird jetzt Realität, sozusagen als Nebenwirkung der Krankheit, fragen Sie ihren Soziologen oder Historiker: Wir sind angekommen in Retrotopia. Wir leben in der Karikatur eines längst vergangenen Landlebens, aber mit Internetanschluss.

Was bedeutet das politisch? Wir werden für ein paar Wochen wieder zur Gemeinschaft alten Typs. Das Virus scheint für den Moment all die gesellschaftlichen Ausdifferenzierungen und Unterschiede und die hochgradige Arbeitsteilung zu verdecken (aber nicht aufzuheben, dazu später mehr.) Wir kümmern uns jetzt wieder selbst um alles, was uns nah ist: um die Kinder, um den Haushalt, um die Nachbarschaft.

Jetzt zählt wieder das Kollektiv

Überhaupt: Wir können wieder "wir" sagen. Und jeder weiß, wer gemeint ist: alle nämlich. (Schluss mit Distinktion und Kleinstkollektiven.) Es zählt jetzt nur das eine große Kollektiv der von der Krankheit Bedrohten. (Auf dieses Kollektiv ist der Einzelne jetzt wieder bezogen statt auf sich selbst.) Junge vermeiden die Infektion, um Alte nicht zu gefährden, Alte müssen darauf hoffen, dass Junge sie schützen. "Flatten the curve": Das ist, für hoffentlich kurze Zeit, der Imperativ, der alles ordnet. 

Das hat, offenbar, etwas Befreiendes. (Endlich wieder andächtig und zweifelsfrei zuhören, beispielsweise dem Corona-Update des Charité-Virologen Christian Drosten, dessen NDR-Podcast längst eine eigene Aura irgendwo zwischen Morgenandacht und Frontbericht gewachsen ist. Endlich wieder klare Anweisungen. Wir gehen mit Hamsterlisten in den Supermarkt und niesen in die Armbeuge. Es soll sogar Menschen geben, die sich jetzt endlich impfen lassen.) Und erinnern diese Händewasch-Piktogramme nicht an die "Was im Notfall zu tun ist"-Karten in den Flugzeugen? Variationen von Handlungsanweisungen, unbedingt einzuprägen, für alle! Dort oben in den Kapseln am Himmel wie hier auf der infizierten Erde ist unsere Lage so eindeutig prekär, dass wir klare Anweisungen brauchen und zu Gehorsam bereit sind.

Teil von etwas Großem sein

Denn das neue Wir verlangt uns etwas ab. "Jetzt kommt es auf Sie an!" ruft auch ZEIT ONLINE den Lesern entgegen, und um die Ähnlichkeit zum berühmten "We want you"-Plakat der US-Army perfekt zu machen, fehlt nur noch ein Virologe in Schutzkleidung, der mit  behandschuhtem Finger auf uns zeigt. Lange nicht mehr war es so einfach, etwas Richtiges zu tun, und dabei so unmittelbar Teil eines großen Ganzen zu sein. Im Privatfernsehen laufen in der Werbepause Spots, die uns das richtige Händewaschen erklären, der Berliner Tagesspiegel ruft die "Aktion Mitmenschlichkeit" aus. Konkrete Solidarität ist die so private wie politische Aufgabe der Stunde.