Wenn Abstand halten unmöglich ist – Seite 1

Da, wo Mostafa M. gestern noch ungehindert die Treppen hinunter und in den Garten laufen konnte, versperrt jetzt ein Gitter aus Metall den Weg. Der 35-Jährige schickt ein Bild davon per WhatsApp: Keine frische Luft mehr für Haus 60. "Es ist wie im Gefängnis", sagt M., der seit einem Monat in der Unterkunft lebt, "nur dass uns niemand sagen kann, wie lange wir hier eingesperrt bleiben." Auf dem Flur sei Panik ausgebrochen, als den Bewohnern klar wurde, dass sie nun gänzlich eingesperrt sind, berichtet er am Telefon.

Seit Montag ist das Haus 60 dieser Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Schwerin zum Quarantänebereich für mehr als 20 Menschen geworden, nachdem mindestens drei Bewohner in der vergangenen Woche positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Die Erkrankten wurden ins Krankenhaus in Parchim eingewiesen, Kontaktpersonen sollen für zwei Wochen in Einzelzimmern isoliert werden. Doch schon jetzt reichen die Einzelzimmer nicht mehr aus. In der Unterkunft für mehr als 700 Geflüchtete sind Social Distancing und Selbstquarantäne unmöglich. Gemeinschaftstoiletten, ein geteilter Speisesaal und die Unterbringung auf engstem Raum stellen Personal und Bewohner vor eine Herausforderung, für die es auf Landesebene bisher keine Lösungsvorschläge gibt.

Bekannt waren laut Bundesinnenministerium am Mittwoch 22 bestätigte Corona-Infektionen und 18 Verdachtsfälle unter Flüchtlingen an insgesamt zehn Standorten in verschiedenen Bundesländern. Flüchtlingsräte, die unabhängigen Vertretungen der Unterstützungsgruppen von und für Geflüchtete in den Bundesländern, sind alarmiert. Sie kritisieren die Lebensumstände in Erstaufnahmestellen und sogenannten ANKER-Zentren nicht erst seit Corona. Aber nun verschärft das Virus die Situation. Dass der Erreger vor den Unterkünften nicht Halt machen würde, zeigte sich bereits in den letzten Tagen. Angesichts der Pandemie könnten mangelnde Hygienestandards in kürzester Zeit lebensgefährlich werden, sagen die Flüchtlingsräte. Sie fordern deshalb die Auflösung der Sammelunterkünfte und Notfallpläne zur Evakuierung der Anwohner.

Wie auch bei der Schließung von Schulen, Kindergärten und Gaststätten obliegen die Entscheidungen zum Umgang mit dem Coronavirus in Erstaufnahmestellen den Behörden der einzelnen Bundesländer. Während Menschen im Asylverfahren dezentral untergebracht sind, leben in den Erstaufnahmelagern bis zu 1.000 Menschen auf engstem Raum zusammen. Schon vor Corona wurden die Neuankommenden auf Krankheiten wie beispielsweise Tuberkulose getestet, bevor sie die Sammelunterkunft bezogen. Seit Mitte Februar testen die meisten Aufnahmestellen auch auf das Virus. Das verhindert jedoch nicht, dass sich Bewohner bei Ausflügen, durch das Personal oder Besuch von außerhalb anstecken. Ein Ausbruch der Krankheit in einem Wohnheim würde nicht nur Personal und Bewohner einem enormen Risiko aussetzen, sondern auch die Krankenhäuser ländlicher Regionen überfordern.

Allein in NRW leben 12.000 Menschen in Erstaufnahmestellen auf engstem Raum

"Das einzig erkennbare einheitliche Verfahren ist ein Aushang am schwarzen Brett, man solle sich öfter die Hände waschen", sagt Birgit Naujoks vom Flüchtlingsrat Nordrhein-Westfalen. Das Bundesland weist nicht nur die höchste Zahl an Corona-Erkrankten, sondern auch an Geflüchteten in Erstaufnahmestellen auf. Für die rund 12.000 Menschen in den Sammelunterkünften in NRW lägen bisher keine Notfallpläne seitens der Landesbehörden vor, sagt Naujoks. Tausende weitere Menschen sind in kleineren Unterkünften auf die Kommunen verteilt, wo wiederum in den Gesundheitsämtern eigene Pläne entwickelt werden müssten. Als "großen Flickenteppich" beschreibt auch Timmo Scherenberg vom hessischen Flüchtlingsrat die Anordnungen zu Corona in den Unterkünften.

Das Landesverwaltungsamt arbeite an einem eigenen Notfallplan, hieß es in Sachsen-Anhalt, für das Personal sei ausreichend Schutzausrüstung vorhanden, für die 1.250 Flüchtlinge in Erstaufnahmestellen allerdings "eher nicht". Sprecher weiterer Flüchtlingsräte berichten von ähnlichen Zuständen: In Berlin sei die Kinderbetreuung in den Aufnahmestellen mit insgesamt mehr als 1.600 Menschen ausgesetzt worden, was zu erhöhten Spannungen innerhalb der engen Unterkünfte führe. In Brandenburg hätten sich die Bewohner von Unterkünften selbst organisiert, um besonders gefährdeten Anwohnern wenigstens den Gang in die Massenkantine zu ersparen. In Bremen könnten die Fenster einer Unterkunft mit 700 Menschen nicht zum Lüften geöffnet werden. Aus Sicherheitsgründen. In Mecklenburg-Vorpommern würde sich Sicherheitspersonal in einer Unterkunft für 850 Menschen zunehmend krankmelden und nicht mehr erscheinen. In Niedersachsen mit 3.950 und in Sachsen mit rund 2.000 Erstaufnahmen lägen laut Flüchtlingsräten keine Notfallpläne zu deren Evakuierung vor. Überall mangelt es an Desinfektionsmittel, Quarantänemöglichkeiten und ausreichender Information über die Verbreitung des Virus.

"Das Misstrauen wächst mit jedem Tag"

Mostafa M. hat im Fernsehzimmer seiner Unterkunft in Schwerin von Corona erfahren. In der Tagesschau. Nicht alle Informationen habe er verstanden, dennoch habe er sich bemüht, für andere Anwohner zu übersetzen. Das war vor der Quarantäne. Seit M. in seinem Zimmer zwischen den drei täglichen Mahlzeiten, die auf einem silbernen Aluminiumteller serviert werden, die Stunden zählt, weiß er nicht mehr, was er glauben soll. "Ich habe einen Zettel auf Arabisch bekommen, dass ich mich strafbar mache, wenn ich das Haus verlasse", sagt er "was genau mit mir passiert, sollte ich infiziert sein, weiß ich nicht."

Vor der Panik hat er mittlerweile mehr Angst, als vor dem Virus selbst

In der Unterkunft braue sich die Angst zu Panik zusammen, sagt M. Die Quarantänezimmer reichten nicht mehr aus, Menschen einzeln unterzubringen. Jedes Mal, wenn ein neuer Verdachtsfall in das Haus 60 gebracht wird, wachse der Protest. Niemand möchte einen potenziell Infizierten bei sich aufnehmen und damit die eigene Quarantänezeit verlängern, erzählt M. Vor der Panik hat er mittlerweile mehr Angst als vor dem Virus selbst: "Hier sind viele Menschen mit Trauma, die drehen durch, wenn sie wieder eingesperrt werden. Mein Nachbar hat mehrfach versucht, sein Zimmer anzuzünden, weil er unbedingt hier raus will." Das Telefonat muss unterbrochen werden, weil auf dem Gang Geschrei ausbricht. Später wird M. erzählen, ein Bewohner habe versucht, das Gitter zum Treppenaufgang zu entfernen. Erst als die Polizei hinzukam, habe er damit aufgehört.

Nicht nur in der Sammelunterkunft in Schwerin ist die Stimmung angespannt. Ein Bewohner der Unterkunft in Wünsdorf bei Berlin, in der 800 Menschen leben, berichtet am Telefon: "Das Misstrauen wächst mit jedem Tag. Das Essen wird in einem Zeitfenster von einer Stunde ausgeteilt – wie soll man da Abstand halten? Wir waschen uns die Hände mit Shampoo, weil es nicht genug Seife für alle gibt." Eine junge Frau aus einer Unterkunft in München schreibt: "Die Schlangen bei der Ärztin sind noch länger als sonst. Kranke Menschen stehen dicht gedrängt, um dranzukommen. Selbst wenn ich Beschwerden hätte, würde ich nicht zur Ärztin gehen aus Angst, mich anzustecken."

Im thüringischen Suhl kam es zu Unruhen in einer Unterkunft mit 533 Geflüchteten, nachdem die gesamte Einrichtung unter Quarantäne gestellt und abgeriegelt wurde. 150 Polizeibeamte und Wasserwerfer wurden eingesetzt, um die Lage zu beruhigen. Anscheinend wurde den Anwohnern vorher nicht kommuniziert, was der Grund für die Abriegelung sei. Als das Gerücht aufkam, es könne eine massenhafte Abschiebung geben, kippte die Situation. 22 Menschen versuchten, das Gelände zu verlassen und wurden von der Polizei vorerst in eine leerstehende Jugendarrestanstalt gebracht. In Darmstadt weigerten sich zehn Männer in Abschiebehaft, den Gefängnishof zu verlassen und zurück in ihre Zellen zu gehen. Sie sollten in die Türkei, nach Algerien und in die USA abgeschoben werden. Fünf der Männer sind laut der Darmstädter Organisation "Community 4 All" nun wieder entlassen. Auch in Hannover wurde die Abschiebehaft für sechs Asylbewerber vorläufig ausgesetzt. Einen einheitlichen Abschiebestopp gibt es noch nicht.

Trotzdem verschickt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) weiterhin negative Asylbescheide in die Sammelunterkünfte. Binnen zwei Wochen können Asylbewerber eigentlich Widerruf einlegen und das Verfahren prüfen lassen. Da in den Einrichtungen aber Besuchsverbot verhängt wurde und auch die Asylberatungsstellen geschlossen sind, kommt Unterstützung durch Übersetzer, Sozialarbeiter und Rechtsberatung nicht mehr zu den Betroffenen durch. Der Flüchtlingsrat NRW meldet sogar ein erhöhtes Aufkommen negativer Asylbescheide innerhalb der letzten Wochen. Sprecherin Birgit Naujoks vermutet, das liege an den abgesagten Gerichtsterminen und mehr Zeit für Aktenarbeit. "Die Leute werden alleingelassen und zusätzlichem psychischen Druck ausgesetzt", kritisiert sie, "körperlich zählen große Teile der Geflüchteten zur sogenannten Risikogruppe, da sie oft physisch geschwächt von der Flucht hier ankommen." Corona zeige einmal mehr, auf welch wackligen Beinen das Asylsystem in Deutschland stehe. Die Gesundheitsämter müssten jetzt die Schwächsten der Gesellschaft mitdenken.

In der Nacht zum Freitag meldet sich M. noch einmal mit einem Foto aus der Unterkunft in Schwerin: Sanitäter in Schutzkleidung evakuieren eine junge Frau und ihren Mann mit einem Krankenwagen aus der Unterkunft. Einen Lichtblick habe es am Abend noch gegeben: Ein Mitarbeiter der Malteser, die für die Unterkunft zuständig sind, stellte ihm zwei Flaschen Desinfektionsmittel vor die Tür. Er fühle sich jetzt ein bisschen sicherer.