Wie verändert der Corona-Ausbruch Deutschland? Unser Reporter Henning Sußebach beschreibt das in der Serie "Aus einem anderen Land". An welche Orte er noch gelangt, mit welchen Menschen er (bei Wahrung der Empfehlungen des Robert Koch-Institutes) reden kann, liegt weniger an ihm als an den Umständen. Diese Krise ist auch für Journalisten neu, kaum jemand hat Erfahrung – jede Bürgerin und jeder Bürger ist gleichermaßen Laie wie Experte. Wenn Sie unseren Reporter auf Folgen des Corona-Ausbruchs und Geschehnisse in Ihrer Umgebung hinweisen wollen, schreiben Sie ihm: anderesland@zeit.de.

Sie ist Hebamme und macht den Job seit dreißig Jahren. Sie habe gedacht, sie hätte in ihrem Beruf fast alles erlebt. Aber auch bei ihr ist in der Corona-Krise alles anders. Seit einigen Tagen dürfen keine Besucher mehr in das Krankenhaus, in dem sie arbeitet, was auch bedeutet, dass Schwangere im Kreißsaal allein gebären müssen, ohne ihre Partner.

Die Hebamme ist in Nordrhein-Westfalen tätig, im Bundesland mit den derzeit meisten Corona-Infizierten. In welcher Stadt sie lebt, in welcher Klinik sie arbeitet, wie sie heißt, all das soll nicht öffentlich werden. Darum hat sie gebeten, um die Identität ihrer Patientinnen zu schützen. Und sich selbst, denn sie hat verblüffende Erfahrungen gemacht.

Hier ist ihr Bericht: 

"Gestern hatte ich meinen ersten Dienst unter den neuen Vorgaben. Ich gebe zu, dass ich mit gemischten, fast düsteren Gefühlen zur Arbeit gegangen bin. Es ist so, dass nicht nur die Gebärende ihren Mann dabeihaben möchte, sondern ich als Hebamme hin und wieder auch auf ihn angewiesen bin. Weil das Personal im Gesundheitswesen sehr ausgedünnt ist, nehmen die Männer uns Hebammen einiges ab: Sie massieren ihrer Frau den Rücken, legen ihr einen kalten Waschlappen auf die Stirn, holen einen Tee. Und sie sind einfach da. Das ist auch ein Wert. Es kann ja sein, dass ich drei Frauen gleichzeitig unter der Geburt habe und zwischen drei Kreißsälen pendeln muss. Mir graust davor, dass ich die Frauen künftig alleinlassen muss.

Vielleicht war es nur Glück, dass es gestern nicht so kam, ich weiß es noch nicht. Ich habe um halb acht morgens angefangen: Übergabe von der Nachtschicht, ein leerer Kreißsaal, Papiere, das Stationstelefon. Ziemlich schnell kamen Anrufe von Paaren, die sich vor Wochen bei uns zur Geburt angemeldet hatten und jetzt sagten: 'Wir haben entschieden, lieber in eine Klinik zu fahren, die den Vater noch einlässt.' Bei uns weichen sie in die Nachbarstadt aus, da geht das noch. Die meisten dieser Anrufe waren ruhig und höflich. Aber es ist auch so, dass man im Hintergrund Frauen weinen hört, weil sie schon in den Wehen liegen und sich dann noch umentschieden wird. Oder man bekommt zu hören: 'Das ist das Erlebnis unserer Beziehung. Das wollen wir uns nicht nehmen lassen.'

Überhaupt fällt meinen Kolleginnen und mir auf, dass Gebärende gerade sehr spät in die Kliniken kommen. Ich finde, es muss ganz schnell bundesweit gleiche Regeln geben. Nach allem, was ich weiß, gibt es stattdessen gerade einen gefährlichen Gebärenden-Tourismus.

Vielleicht ist es für Hochschwangere etwas beruhigend: Im Laufe des Vormittags, nach den Anrufen, bin ich auf unsere Wöchnerinnen-Station gegangen. Da liegen drei Frauen, die in den letzten zwei Tagen geboren haben, auch schon allein. Und von diesen drei Wöchnerinnen war ich positiv überrascht. Die waren völlig tiefenentspannt. Bei allen klappte das Stillen problemlos. Die waren glücklich. Die haben 24 Stunden sich und das Kind. Keine Besuche, kein Sollen, kein Müssen.