Wie verändert der Corona-Ausbruch Deutschland? Unser Reporter Henning Sußebach beschreibt das in der Serie "Aus einem anderen Land". An welche Orte er noch gelangt, mit welchen Menschen er (bei Wahrung der Empfehlungen des Robert Koch-Institutes) reden kann, liegt weniger an ihm als an den Umständen. Diese Krise ist auch für Journalisten neu, kaum jemand hat Erfahrung – jede Bürgerin und jeder Bürger ist gleichermaßen Laie wie Experte. Wenn Sie unseren Reporter auf Folgen des Corona-Ausbruchs und Geschehnisse in Ihrer Umgebung hinweisen wollen, schreiben Sie ihm: anderesland@zeit.de

Es bleiben nur noch wenige Tage, dann muss Enno Glantz eine Wette abschließen. Eine Wette auf die Zukunft, die wahrscheinlich größte seines Lebens, obwohl er schon 75 Jahre alt ist. In den vergangenen Jahrzehnten war die Zukunft für viele Deutsche etwas eher Berechenbares, ein Privileg, das sogar ein dem Wetter ausgelieferter Landwirt wie Enno Glantz genoss. Auf den März folgte der April mit Sonne, Regen und Wärme, ideale Bedingungen, Pflanzen wurzeln und wachsen zu lassen. All das wird dieses Jahr wieder so sein. Und doch muss Glantz entscheiden, ob er in den nächsten Tagen, wie eigentlich üblich, zweieinhalb Millionen Erdbeersetzlinge auf seinen Feldern pflanzen soll.

Es wäre ein Wetteinsatz auf 620 Hektar Land.

Es wäre ein Zeichen der Hoffnung.

Oder Irrsinn.

"Ab Mai bräuchte ich ja 1.000 Erntehelfer aus Osteuropa", sagt Glantz. Derzeit ist nicht sicher, ob er auch nur einen bekommt.

Wahrscheinlich wäre das Mitleid mit dem Bauern Glantz nicht sonderlich groß, wenn dieser Artikel vor einigen Wochen erschienen wäre, vor Corona, in einer Zeit, in der noch alte Reflexe griffen. Wie zum Beispiel: dann halt Erdbeeren aus Spanien. Oder: So ein Großbauer hat in seinem Leben sicher genug verdient.

Tatsächlich ist Enno Glantz in Norddeutschland als Erdbeerkönig bekannt. Er bewirtschaftet riesige Felder in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Seine knallroten Erdbeerhäuschen stehen vor Supermärkten in allen nördlichen Bundesländern, Stützpunkte eines Agrar-Großreiches, das sich bis nach Sachsen-Anhalt erstreckt. Jedes Frühjahr mieten Glantz' Rekrutierer komplette Restaurants im Osten Polens, um dort tagelang Einstellungsgespräche zu führen. So, wie Jahr für Jahr die Erdbeerpflanzen wuchsen, wuchs auch das Geschäft.

Deshalb sitzt Enno Glantz im März 2020 in Delingsdorf, Schleswig-Holstein, in einem Haus, das so groß ist, dass man während des Gespräches mit ihm mühelos zwei Meter Abstand halten kann. Überall schlossähnliche Anleihen, viel Goldapplikation, Teppiche, Möbel mit Löwenfüßen und am Scheitelpunkt eines ellipsenförmigen Tisches der Hausherr Glantz, groß, gerade, grauhaarig. Draußen, vor den Fenstern, seine Felder. Mit dem Organ eines Befehlshabers spricht Glantz Sätze, die nicht in die Wohlstandskulisse passen. Getreide und Kartoffeln würden auch in diesem Jahr kaum knapp werden, weil Maschinen bei der Ernte längst Menschen ersetzt haben. Aber wer wird in die Apfelbäume steigen? Wer Tomaten pflücken? Wer Gurken von den Ackerböden auflesen? Und wer soll die Ernte transportieren, falls es eine Ernte gibt?