Ich bin eine Risikoperson, altershalber. Seit drei Wochen sitze ich im Homeoffice: Ich bin nicht mehr ausgegangen und habe meinen Sport auf das Standfahrrad auf dem Balkon reduziert. Allmählich mache ich mich mit dem Gedanken vertraut, dass ich der Corona-Krise wegen die Feiern zu meinem 90. Geburtstag im Juni vertagen muss. Und von Tag zu Tag mehr beschäftigt mich die Frage, ob eigentlich "danach", wann immer es sein wird, eigentlich alles so wieder werden kann – nein, so wieder werden darf – wie vorher.

Was wir derzeit erleben, ist nicht bloß eine Betriebsstörung. Es ist die größte Durchwirbelung unseres Alltagslebens seit dem Pestausbruch des 17. Jahrhunderts. Selbst während des Zweiten Weltkriegs, den ich als Junge noch durchgemacht habe, ging der Alltag in Deutschland weiter. Es gab Kino und Konzerte, die Gasthäuser und Cafés waren geöffnet, in den Schulen lief der Unterricht wie immer, in den Büros und den Geschäften wurde gearbeitet, Freunde und Bekannte mussten nicht auf eineinhalb Meter Abstand gehalten werden. Verdunkelung war die lästigste Einschränkung, Ausgangssperren kannte man nicht.

Heute ist alles anders. Weltweit erleben wir derzeit einen beispiellosen Zwang zu menschlicher Verhaltensänderung. Geschlossene Einkaufspassagen, begrenzte Mobilität, gesperrte Grenzen, eingeschränkter Luftverkehr bestimmen unser Dasein. Greta ist nicht länger die Einzige, die nicht mehr fliegt. Überhaupt sieht die Welt ein wenig so aus, wie sie aussähe, wenn die Ideen der Fridays-for-Future-Aktivisten mit sofortiger Wirkung in Kraft träten. Die angespannte Situation führt uns drastisch vor Augen, dass die Bekämpfung des Klimawandels nur Aussicht auf Akzeptanz und damit Erfolg hat, wenn die gravierenden sozialen Folgen aufgefangen werden. Wie dies zu geschehen hat, darüber können wir nicht früh genug nachdenken.

Gesundheitsschutz geht vor Datenschutz

Zu überdenken sind angesichts des gegenwärtigen Marktversagens zumal die Schattenseiten der Globalisierung. Wenn lebenswichtige Güter nur noch aus einem einzigen Land stammen, wird die deutsche und europäische Volkswirtschaft bedrohlich verwundbar. Die Auslagerung unserer pharmazeutischen Produktionskapazität auf China und Indien (das seinerseits die Wirkstoffe für seine Generika-Herstellung aus der Volksrepublik bezieht) bringt uns heute in die Bredouille. Alles dorthin abwandern zu lassen, wo die Produktion am billigsten ist, kann kein Zukunftsrezept mehr sein. Mindestens eine teilweise Rückverlagerung tut not. Auch das Just-in-time-Prinzip sollte hinterfragt werden.

Auf jeden Fall ist die Anlage von Notfallreserven der wichtigsten Medikamente anzuraten. Die Bundesrepublik hat strategische Erdgasreserven für ein Drittel unseres Jahresverbrauchs und Erdölvorräte für 90 Tage. Das Landwirtschaftsministerium unterhält Lager für Getreide, Reis, Erbsen, Linsen und Kondensmilch, die Bevölkerung ließe sich damit einige Wochen lang versorgen. Warum keine Reserven medizinischer Artikel (oder sogar von Toilettenpapier)?

Auch die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens stellt sich in der Corona-Krise ganz neu. Es könnte vielen Menschen die Existenzangst nehmen. Gäbe es das Grundeinkommen für alle schon, wären wir für die jetzige Krise besser gerüstet gewesen.

Zugleich drängt sich die Frage auf, wie weit unser profitorientiertes Krankenhaussystem, neoliberal privatisiert, zum Teil wieder der staatlichen Daseinsvorsorge einzugliedern wäre.

Freie Gesellschaften tun sich schwer mit der Einschränkung persönlicher Freiheiten. Doch wer die freiheitliche Gesellschaft retten will, muss in einer Krisensituation wie der gegenwärtigen ertragen, dass sie zeitweise limitiert oder aufgehoben werden. Ich könnte mir auch die temporäre Übernahme der südkoreanischen Handy-Ortung vorstellen; damit ließen sich Corona-Infizierte und ihre Kontakte elektronisch lokalisieren und identifizieren. Gesundheitsschutz geht vor Datenschutz. Die Befristung solch einschneidender Maßnahmen wäre allerdings die Voraussetzung.

Wünschen würde ich mir schließlich auch eine Entideologisierung unserer politischen Debatte. In der Krise zeigt sich, wie wichtig Eliten und Experten sind, politische Führung und wissenschaftliche Beratung. Zugleich erkennen wir, wie unsinnig die Meinungsstürme, vergangene wie derzeitige, gegen Notstandsgesetz, Katastrophenfallvorsorge oder auch die schwarze Null waren. Seien wir froh, dass es sie gibt. Sie geben der Politik die Handhabe zu entschiedenem Handeln.

Das Covid-19-Virus ist einer jener "schwarzen Schwäne", die der libanesische Mathematiker, Börsenhändler und Publizist Nassim Nicholas Taleb beschworen hat – ein unwahrscheinliches Ereignis, das nur selten vorkommt, dann aber alles verändert. Schon kurzfristig hat das Virus alle Themen an den Rand gedrängt, die uns vorher umgetrieben haben: den Klimawandel (von Greta ist nichts zu hören), die große Koalition, die Personalschubsereien unserer Parteien, die Flüchtlinge auf Lesbos. Sogar die Geopolitik macht Pause. Diese Themen werden wieder aufleben, sobald Covid-19 Pause macht. Noch, so fürchte ich, stecken wir in der Ruhe vor dem Sturm. Danach werden wir die Welt neu betrachten und ein Stück weit neu einrichten müssen.

Bis dahin bleibt uns nur, Solidarität zu üben und voller Anstand miteinander umzugehen – vor allem die Jungen und die Alten. Die Corona-Krise trennt die Generationen, aber sie kann uns auch zusammenführen. In meinen Augen würde sich, zum Beispiel, die Fridays-for-Future-Bewegung gewaltige Sympathien erwerben und viel Unterstützung sichern, wenn sie, da es keine Schulen zum Schwänzen gibt und 286.000 Saisonarbeiter aus Polen, Rumänien und Bulgarien nicht zu uns kommen können, als Erntehelfer für Spargel und Erdbeeren einspringen würde. Wie wäre es mit Fridays for Asparagus and Strawberries?