Die Nachricht kam am frühen Sonntagmorgen gegen drei Uhr. In einer nächtlichen Pressekonferenz teilte Italiens Premierminister Giuseppe Conte mit, dass von diesem Moment an bis zum 3. April die Sperrzone im Norden des Landes drastisch ausgeweitet werde. Betroffen sind die Region Lombardei und 14 weitere Provinzen, auch die Städte Mailand und Venedig – insgesamt rund 16 Millionen Menschen.

Damit wolle die Regierung "eine weitere Verbreitung des Coronavirus vermeiden", sagte Conte. Man dürfe nur dann in die Sperrzone ein- oder ausreisen, "wenn es dafür einen unabdingbaren Grund gibt, der entweder mit der Arbeit oder mit einem Notfall zu tun hat". Künftig müssen Flug- und Zugpassagiere deshalb nachweisen, dass sie ihre Reise unter keinen Umständen verschieben können. Kontrolliert werden könnte das durch Polizisten oder Soldaten, beim Check-in oder vor dem Einsteigen in den Zug. 

Angesichts der weiter steigenden Infektionsfälle im Land wurde die Ausweitung der Sperrzone unabdingbar. Zuletzt zählte man in ganz Italien 5.883 Infizierte, die 233 Verstorbenen und 589 Genesenen miteingerechnet. Allein in der Lombardei ist die Zahl der Fälle auf 3.000 gestiegen.

Überlastete Notaufnahmen

"Wir sind mit einer noch nie dagewesenen Notlage konfrontiert", sagt Carlo Signorelli, Professor für Hygiene und Gesundheitswesen der Mailänder Universitätsklinik San Raffaele. Vor allem die Notaufnahmen seien überlastet, denn sie müssten sich nicht nur um Corona-Kranke kümmern, sondern daneben auch noch die sonst üblichen Notfallpatienten betreuen, etwa nach Schlaganfällen oder Herzinfarkten. Das bringe das an sich gut ausgestattete lombardische Gesundheitssystem an seine Grenzen. "Im Moment steckt jeder Coronavirus-Patient zwei weitere Menschen an", sagt Signorelli. "Erst wenn wir so weit sind, dass die Ansteckungsrate unter eins liegt, können wir langsam aufatmen."

Die Behörden treffen unterdessen weitere Vorkehrungen, um das Gesundheitssystem auf einen weiteren Anstieg der Fälle vorzubereiten: 90 Prozent der 145 Krankenhäuser in der Lombardei sollen sich jetzt um Coronavirus-Patienten kümmern, während die restlichen zehn Prozent sich anderen schweren Krankheiten und Notfällen widmen werden.

Die Lage in den Infektions- und Intensivstationen ist angespannt. Ärzte und Pflegepersonal sind im Dauereinsatz. "Es fehlt an geschultem Personal", sagt ein Chirurg, der anonym bleiben möchte. "Es genügt nicht, Arzt zu sein, um in einer Intensivstation zu arbeiten", ergänzt er – er selbst etwa wäre dort als Chirurg nutzlos. Hinzu komme, dass die Zahl der Betten in den vergangenen Jahren verringert worden sei. "Freilich kann man andere Stationen frei machen, aber man braucht auch die nötigen Geräte für die Intensivstationen. Die liegen nicht irgendwo auf Lager in den Krankenhäusern. Sie müssen angeschafft werden." In der vergangenen Woche veranlasste die zentrale Behörde für Beschaffungsaktivitäten Consip den Ankauf von medizinischen Apparaten für Intensivstationen im Wert von fast 185 Millionen Euro.