Jutta Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und Mitglied im Herausgeberrat der ZEIT.

In Krisenzeiten rücken die Menschen zusammen. Angesichts drohender Gefahren von außen verlieren Unstimmigkeiten, Auseinandersetzungen und Aushandlungsprozesse schnell an Bedeutung. Gleichzeitig schwindet die Kraft, Neues anzugehen und erobertes Terrain zu verteidigen. Langfristige, wichtige Ziele geraten aus dem Blick. Die Menschen rutschen zurück in alte Gewohnheiten, in überlieferte und immer wieder fortgeschriebene Routinen. Doch Krisen wirken auch wie ein Brennglas, durch das wir auf festsitzende Erwartungshaltungen, Rollenklischees und vermeintlich überkommene Gepflogenheiten schauen können. Wenn wir aus dem, was wir dann sehen, Taten folgen lassen, haben Krisen durchaus auch etwas Gutes. 

Die in den vergangenen Wochen unabhängig voneinander erhobenen Daten des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), des Sozio-oekonomischen Panels und der Mannheimer Corona-Studie zeigen die Realität unter dem Brennglas: die Lebenssituation vieler Familien mit kleinen Kindern in Deutschland. Sie belegen eine Rollenverteilung zwischen Müttern und Vätern, die jener in der Generation unserer Eltern und Großeltern entspricht – und die wir nicht mehr für möglich gehalten hätten. Zumindest all jene von uns, die mit viel Geduld optimistisch nach vorne geblickt haben, voller Vertrauen in die Kraft eines neuen, egalitären Rollenverständnisses und die Umsetzung des in allen Befragungen geäußerten Strebens junger Menschen – Frauen wie Männern – nach Gleichberechtigung.

Was ist passiert? Mütter, die sich nach der Geburt ihrer Kinder in meist jahrzehntelanger Teilzeit wieder ihrer Erwerbsarbeit widmen, ziehen sich aus dem Arbeitsmarkt zurück. Über 20 Prozent von ihnen reduzieren ihre Arbeitszeit, die ohnehin schon kürzer als die der Männer ist. Gleichzeitig erhöht sich die Zeit, welche die Mütter für die Betreuung der Kinder aufwenden, für die Hausarbeit oder die Pflege von Familienangehörigen. All das ist zunächst kein Alarmzeichen. Es ist eine unvermeidbare Reaktion auf die in Corona-Zeiten schnell geschlossenen Kitas, Schulen, Sportvereine und krisengeschuldet ausbleibenden Einladungen von Freundinnen und Freunden ihrer Kinder. Infrastrukturen brechen weg, die Kinder brauchen Aufmerksamkeit und Anregungen.

Alarmierend ist aber die Tatsache, dass weit überwiegend Mütter diesen Rückzug aus dem Arbeitsmarkt vornehmen, sich um Kinder und Küche kümmern. Väter treten deutlich seltener zurück, bleiben bei ihrem Arbeitsleben, auch dann, wenn sie im Homeoffice arbeiten oder in Kurzarbeit sind. Ein Beispiel aus der Wissenschaft zeigt, wie folgenreich diese Ungleichheit sein kann: Während Forscher seit dem Beginn der Pandemie deutlich mehr Studien zur Veröffentlichung bei wichtigen Fachzeitschriften einreichen, ist ein solcher Anstieg bei Forscherinnen nicht zu verzeichnen. Sie geraten daher ins Hintertreffen – denn Veröffentlichungen sind die Währung für beruflichen Erfolg in der Forschung.

Entsetzliche Retraditionalisierung

Wir erleben eine entsetzliche Retraditionalisierung. Die Aufgabenverteilung zwischen Männern und Frauen ist wie in alten Zeiten, eine Rolle zurück. Sie ist entsetzlich, da Frauen heute ganz andere Vorstellungen von einem guten Leben haben als früher. Sie möchten das umsetzen, was sie gelernt haben; sie wissen, dass finanzielle Unabhängigkeit von den Partnern und Partnerinnen auch ein großes Stück Freiheit bedeutet – eine Existenzgrundlage allemal. Sie möchten ein Stück eigenes Leben, eigene Lebenszusammenhänge, eigene Erfahrungen. Zeit für sich. Und so zeigen ihre Antworten in unseren Umfragen auch wenig überraschend, dass sie nicht mit wehenden Fahnen und gleichermaßen froh, die Last der Erwerbsarbeit abgeschüttelt zu haben, wieder in ihre Wohnungen zurückgekehrt sind.

Im Gegenteil: Ihre Zufriedenheit knickt massiv ein, die Zufriedenheit mit ihrer Erwerbsarbeit, mit ihrer Familiensituation, mit ihrem Leben. Retraditionalisierung ist daher ein fast noch verharmlosendes Wort. Es ist zu schmusig, zu nett. Es geht um den Verlust der Würde von Frauen, von Respekt, von Rechten.

Blicken wir zurück. Schon in den frühen Achtzigerjahren wurde im Parlament über die Lage der Frauen in unserer Gesellschaft ausführlich beraten. Das Ganze ist gut dokumentiert, ebenso die Lösungsansätze: Sicherung der Gleichbehandlung, Beseitigung der Diskriminierung, Verbesserung der Chancengleichheit von Mädchen. Herausgegeben vom Deutschen Bundestag. Alles liegt seit damals auf dem Tisch. Die riesigen Unterschiede in den Erwerbsquoten, in den Arbeitszeiten, in der Dauer der familienbedingten Erwerbsunterbrechungen, im Stundenlohn zwischen Männer- und Frauentätigkeiten, im Stundenlohn für dieselbe Arbeit, in den Erwerbsquoten, in der Zeit, die für Kinder, Hausarbeit und Betreuung von Familienmitgliedern aufgewendet wird.