In vielen deutschen Städten haben Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt demonstriert. Unter dem Motto "Black Lives Matter" versammelten sich laut Polizei allein in Hamburg rund 14.000 Demonstrierende. Auch in Berlin kamen Schätzungen zufolge etwa 15.000 Menschen in schwarzer Kleidung zu einem stillen Protest auf dem Alexanderplatz zusammen. Mit knapp 25.000 Teilnehmenden – so die offizielle Schätzung der Polizei – fand die größte Demonstration in München statt. Insgesamt kam es in mehr als 19 Städten zu Protesten.

Dabei überstieg die Teilnehmendenzahl vielerorts die erlaubte Obergrenze, die wegen der Coronavirus-Pandemie festgelegt wurde. Die Polizei rief die Demonstrierenden zur Einhaltung der Abstandsregelungen und zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes auf. 

Organisiert wurden die Proteste von der Bewegung Silent Demo. Die Demonstrationen reihen sich ein in die weltweiten Proteste nach dem Tod des schwarzen US-Bürgers George Floyd. Floyd starb Ende Mai durch Polizeigewalt. Seitdem kommt es in den USA immer wieder zu teils gewalttätigen Protesten.

Neben den Demonstrationen in Hamburg, Berlin und München fanden auch Kundgebungen in Frankfurt am Main, Mannheim, Stuttgart und Magdeburg statt. Die Organisatoren hatten dazu aufgerufen, in schwarzer Kleidung zu erscheinen. Man wolle während der Demonstration still und schweigend an den Tod Floyds erinnern, hieß es. 8 Minuten und 46 Sekunden lang schwiegen die Demonstrierenden gemeinsam – so lang hatte ein weißer Polizist Floyd am 25. Mai sein Knie in den Nacken gedrückt, bis Floyd sein Bewusstsein verlor und kurz darauf starb.

Die Hamburger Polizei hatte bereits vor den Demonstrationen ihre Solidarität erklärt. "Wir sind an eurer Seite!", twitterte sie vor Beginn der Kundgebungen. "Rassismus darf in unserer Gesellschaft keinen Platz haben. Wir arbeiten täglich dafür, dass sich alle Menschen in Hamburg sicher fühlen können", hieß es weiter.

Eigentlich sind in Hamburg wegen der Corona-Pandemie nur Versammlungen bis 525 Menschen erlaubt. Für die zwei größeren Kundgebungen am Jungfernstieg und Rathausmarkt erteilte die Stadt eine Ausnahmegenehmigung für insgesamt 800 Demonstrierende. Bereits am Vortag hatten etwa 4.500 Menschen vor dem US-Konsulat am Alsterufer gegen Rassismus und Polizeigewalt demonstriert – angekündigt waren lediglich 250.

Alexanderplatz in Berlin überfüllt

In Berlin sperrte die Polizei den Alexanderplatz wegen Überfüllung. Schätzungen zufolge nahmen dort rund 10.000 Menschen an der Antirassismus-Demonstration teil. Auf Twitter baten die Beamten neu eintreffende Personen, die umliegenden Straßen zu nutzen, um ausreichend Abstand zueinander halten zu können. Die Atmosphäre sei friedlich, teilten die Beamten mit.

In München waren immer wieder "Black Lives Matter"-Rufe zu hören. Ein Polizeisprecher sagte: "Wir haben permanent Durchsagen gemacht, um auf die Einhaltung der Abstandsregeln hinzuweisen, die gerade anfangs oft nicht eingehalten wurden." Das Versammlungsgelände sei schließlich erweitert worden, um mehr Platz zu schaffen. Anstelle der angemeldeten 200 Menschen waren 25.000 Demonstrierende gekommen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach äußerte sich auf Twitter kritisch: "Ich teile den Anlass des Protests voll und ganz. Aber trotzdem sind die Abstände zu klein." Die Gefahr der Corona-Pandemie sei nicht gebannt. Rassismus müsse bekämpft werden, aber ohne vermeidbare Corona-Tote.

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeigte sich besorgt über die dichten Menschenmengen. "Der Kampf gegen Rassismus braucht unser gemeinsames Engagement. Jeden Tag", schrieb Spahn auf Twitter. "Doch dicht gedrängte Menschenmengen mitten in der Pandemie besorgen mich." Die Abstandsregeln müssten auch bei wichtigen Anliegen eingehalten werden.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sagte, Rassismus töte, nicht nur in Amerika. "Ich danke denjenigen, die heute dagegen aufstehen und die jeden Tag leben, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Und zwar jedes Menschen", sagte Dreyer.

Massenproteste in Sydney, London und Paris

Auch in anderen Ländern weltweit schlossen sich Tausende Menschen den Demonstrationen an. In Australien gingen landesweit Zehntausende auf die Straßen, obwohl die Regierung wegen einer möglichen Coronavirus-Ansteckungsgefahr davon abgeraten hatte. In Sydney, wo die Kundgebung erst kurz vorher genehmigt wurde, versammelten sich mindestens 20.000 Menschen. 

Auch in Großbritannien kamen Tausende Demonstrierende zusammen, obwohl die Behörden dazu aufgerufen hatten, nicht zu der Kundgebung in London zu gehen.

"Es ist an der Zeit, den institutionellen Rassismus niederzubrennen", verkündete eine Demonstrantin mit einem Megafon vor den Tausenden Menschen, die sich vor dem Londoner Parlamentsgebäude versammelt hatten. "So kümmern wir uns um einander", fügte sie hinzu, nachdem sie alle dazu aufgefordert hatte, einen Mundschutz aufzusetzen. "So bleiben wir am Leben."

"Ich verstehe, warum die Menschen zutiefst bestürzt sind, aber wir haben es immer noch mit einer Gesundheitskrise zu tun, und das Coronavirus bleibt eine reale Bedrohung", hatte der britische Gesundheitsminister Matt Hancock am Freitag gesagt. Er rief dazu auf, sich angesichts der Sicherheitsbedenken nicht mit mehr als sechs Menschen zu versammeln. Für Sonntag ist zudem eine Demonstration vor der Londoner US-Botschaft geplant.

In Frankreich riegelte die Polizei in Paris die US-Botschaft und umliegende Straßen ab, um zu verhindern, dass dort trotz eines Verbots protestiert wird. Dennoch versammelten sich zahlreiche Menschen sowohl in der Nähe der Botschaft als auch am Champ de Mars in der Nähe des Eiffelturms. Viele trugen Schutzmasken, aber längst nicht alle.

Polizei ermittelt wegen Ausschreitungen in Neukölln

Am Vorabend der Demonstrationen kam es in Berlin zu einem Gewaltausbruch: Am Freitagabend waren etwa 50 vermummte Personen durch den Richardkiez im Stadtteil Neukölln gezogen. Sie zerstörten Schaufensterscheiben von neun Geschäften, beschädigten Autos, zündeten Böller und Pyrotechnik. Als die Polizei eintraf, zerstreute sich die Gruppe. Die Kriminalpolizei ermittelt gegen 13 Frauen und sieben Männer wegen Sachbeschädigung und besonders schwerem Landfriedensbruch. Auf einer linksextremen Internetseite wurde ein Bekennerschreiben veröffentlicht, das als Rechtfertigung für die Krawalle den Tod von George Floyd nannte.

Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Heikel (SPD) kritisierte die Ausschreitungen. "Ein solches Verhalten ist dämlich, unsolidarisch und schadet dem tatsächlichen Protest gegen Rassismus – in Neukölln und überall", sagte Heikel.