Auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor hat man schon so einiges Merkwürdiges gesehen. Junggesellenabschiede, untalentierte Musiker, Schreihälse und als NVA-Soldaten Verkleidete. Die Demonstration gegen die Corona-Politik hat es jedoch fertiggebracht, selbst an dieser recht hoch hängenden Latte gemessen skurril zu wirken.

Da wehen schwarz-weiß-rote Flaggen, vor der US-Botschaft fordern Männer mit Glatzen einen "Friedensvertrag", jemand trägt die russische und die US-amerikanische Flagge am gleichen Mast, was für sich genommen schon ein ungewohntes Bild ist. Jemand hat sich als Super Mario verkleidet, eine Frau sitzt im Schneidersitz und starrt jeden wortlos an, der eine Maske trägt. Viele sind das nicht an diesem Morgen.

Der kleinste gemeinsame Nenner der Demonstrantinnen und Demonstranten – die Ablehnung der Corona-Politik – scheint tatsächlich der einzige zu sein. Ein Eindruck, der sich durch den Tag zieht.

Etwa 38.000 Menschen protestieren laut Polizei an diesem Tag in Berlin, die genaue Zahl wird noch ermittelt. Die Demonstranten nehmen fast alle an, es seien weit mehr. Von Hunderttausenden ist die Rede, manchmal von Millionen. Wenn man den Tag über durch den Teil der Stadt läuft, in dem die Versammlungen angemeldet sind, und das mit früheren Demonstrationen in diesem Bereich vergleicht, scheint das allerdings etwas sehr weit hergeholt.

Voll ist es trotzdem. Gegen Mittag beschließt die Polizei, die Veranstaltung aufzulösen. Die Teilnehmenden hatten trotz mehrfacher Durchsagen keinen Abstand zueinander gehalten. Als die Behörden daraufhin das Tragen einer Maske zur Auflage machten, kam dem kaum jemand nach. Die meisten hatten gar keine dabei. 

Anders als der Umzug darf die Kundgebung stattfinden

An der Spitze der Demonstration ist deshalb lange nicht klar, wie es weitergehen soll. Hinsetzen und bleiben, bis das "Merkel-Regime abdankt", wie ein älterer Herr über Lautsprecher sagt, oder doch aufstehen und wie geplant weitergehen, auch wenn das die Konfrontation mit der Polizei bedeutet, die am Oranienburger Tor niemanden durchlässt.

Im Wechsel verkünden verschiedene Männer über Lautsprecher: "Aufstehen!" – "Hinsetzen!" So vergehen zwei Stunden, bis der Plan reift, umzukehren und sich auf den Weg zur Kundgebung an der Siegessäule aufzumachen. Beim Versuch, den Lkw an der Spitze des Zuges zu wenden, kommt es erstmals zu Gewalt. Polizisten umringen das Fahrzeug, wollen es festsetzen. Die Fahrerin hält nicht an, erst als ein Polizist die Scheibe der Fahrertür mit seinem Schlagstock zertrümmert. Sofort schreien Demonstrantinnen: "Keine Gewalt!"

Anders als der Umzug darf die Kundgebung am Nachmittag vor der Siegessäule stattfinden, obwohl auch dort zunächst kaum Abstände eingehalten werden und einzelne Redner sogar auf ein Vermummungsverbot auf Demonstrationen hinweisen und dazu auffordern, falls jemand also eine Maske trage, solle man diesen doch bitte bei dem Deeskalationsteam melden.

Das ist nicht mehr als ein rhetorischer Taschenspielertrick, mit dem die Corona-Regeln ad absurdum geführt werden sollen. So wie es auch einige Redner an anderer Stelle versuchten, wenn ihnen der Weg von Polizisten versperrt oder Flächen wie die Wiese vor dem Reichstag nicht freigegeben wurden. Dann hieß es: Wir würden ja gern Abstand halten, aber ihr pfercht uns ein. Dabei waren die freigegebenen Flächen oftmals längst nicht ausgelastet, man hätte sich bloß verteilen müssen.