Der stellvertretende Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Joachim Stamm (FDP), hat sich für eine komplette Absage von Karnevalsumzügen in der kommenden Saison ausgesprochen. Dies müsse auch für größere Sitzungen gelten, sagte Stamp. "Karneval lebt von Unbeschwertheit und auch Nähe. Ausgelassenes Feiern ist in der derzeitigen Lage allerdings nicht möglich." Deshalb sollten alle zum Schutz des Brauchtums und der vielen ehrenamtlichen Aktiven die Situation anerkennen, Planungssicherheit schaffen und die großen Veranstaltungen absagen.

Kleine, kreative Veranstaltungen, bei denen Kontakte nachverfolgt werden könnten, seien dagegen "wohl möglich", sagte Stamp. Viele Vereine hätten bereits neue Formate in Planung. "Aber Singen, Schunkeln, Bützen – alles, was zur traditionellen Sitzung und den Umzügen dazugehört, ist in dieser Session völlig unrealistisch."

NRW-Gesundheitsminister ist gegen eine Absage

Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) zeigte sich in der Sendung Frühstart der Sender RTL und n-tv skeptisch gegenüber einer Absage: "Ich glaube, dass man Karneval gar nicht so einfach abstellen kann." Er wolle erst einmal sehen, wie sich die Infektionszahlen in Nordrhein-Westfalen entwickelten. Es sei auch wichtig, mit den Karnevalsvertreterinnen und -vertretern zu reden.

Auch der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) wandte sich gegen eine komplette Absage von Karnevalsfeiern. "Fastnacht kann man nicht absagen", sagte Ebling im Deutschlandfunk. Allerdings räumte er ein, dass es sicher nicht 8.000 Menschen dicht gedrängt auf einem Platz geben werde. Im Moment sei auch ein Rosenmontagsumzug mit einer halben Million Menschen nicht vorstellbar. Es müsse aber überlegt werden, was möglich sei.

SPD-Chef Norbert Walter-Borjans hält Straßenkarneval mit 1,5 Metern Abstand und Mundschutz für "wesensfremd". Am Rande einer SPD-Veranstaltung in Dortmund sagte der gebürtige Rheinländer: "Ich finde, dass man frühzeitig sagen muss, dass Karneval, wie wir ihn kennen, unter den jetzigen Umständen nicht gehen wird." Wer Corona-Hotspots wie den Karneval im kleinen Kreis Heinsberg auf die großen Zentren übertrage, könne sich ausmalen, dass so etwas ohne Impfstoff nicht zu machen sei, sagte Walter-Borjans, der in Köln wohnt.

Jens Spahn kann sich Karneval während der Pandemie "schlicht nicht vorstellen"

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte sich wegen der Corona-Pandemie zuvor kritisch zum Karneval im kommenden Winter geäußert. Wie die Rheinische Post berichtete, sagte Spahn in einer Konferenz des Gesundheitsausschusses: "Ich kann mir Karneval in diesem Winter, mitten in der Pandemie, schlicht nicht vorstellen. Das ist bitter, aber so ist es."

In den Karnevalszentren wird seit Wochen diskutiert, ob die närrischen Tage Corona-bedingt ausfallen müssen oder nicht. In Köln, Düsseldorf, Bonn und Aachen wurde ein Leitfaden erarbeitet, an dem sich feiernde Karnevalisten orientieren sollen. Die Landesregierung soll diese Empfehlungen nun prüfen. Die meisten Karnevalsvertreterinnen und -vertreter sind gegen eine Absage.

"Notfalls stellen wir die Mottowagen aus"

Die Große Mülheimer Karnevals-Gesellschaft hingegen gab bereits bekannt, kommende Saison nicht am Karneval teilzunehmen. "Es gibt derzeit keine hundertprozentige Planungssicherheit", sagte Marc Doppelfeld, der Geschäftsführer der Gesellschaft. "Das war der Grund, warum wir gesagt haben: Okay, wir gehen dieses finanzielle Risiko nicht ein und setzen nächstes Jahr mal aus." Dabei habe man neben den Finanzen auch die Gesundheit der Mitglieder im Blick. "Wir ernten dafür nur Zuspruch", sagte Doppelfeld.

Der Präsident des Festkomitees Kölner Karneval, Christoph Kuckelkorn, hält eine Absage der Karnevalsumzüge in der kommenden Session zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht. "Wir haben noch Zeit", sagte er. "Natürlich planen wir, wir planen ja A-, B-, C-, D-Varianten." Aber man werde damit auch erst an die Öffentlichkeit gehen, wenn man so weit sei.

Der Leiter des Düsseldorfer Rosenmontagszugs, Herrmann Schmitz, äußerte bereits eine Idee für Karneval ohne Umzüge: "Notfalls stellen wir die Mottowagen aus", sagte Schmitz, "zum Beispiel auf den Rheinwiesen. Dann kann man sie sich mit Abstand angucken." Er selbst könne sich einen Rosenmontagsumzug mit vielen Menschen nach aktuellem Stand kaum vorstellen. Das Comitee Carneval werde aber erst Anfang September beraten.